Engel der Lebenden und der Toten
An einem Hochsommertag war ich in aller Frühe im Wald unterwegs. Als eben die Sonne aufging, kam ich zum Friedhof Hönggerberg, in dessen Eingangsbereich dieses steinerne Paar steht. Die beiden Gestalten haben mich schon früher nachdenklich gestimmt. Ein aufrecht schreitender Engel umfängt mit seinen Armen und Händen einen toten Menschen und drückt ihn an sich. Nur flüchtig ist dieser noch mit dem Zipfel eines Leichentuches bedeckt, das neben dem Engel auf die Erde gleitet. Der kraftlose menschliche Körper mag an einen Verstorbenen erinnern, der mir lieb war und es über den Tod hinaus ist. Der leblose Mensch könnte aber auch ich sein. Hier wird auf das verwiesen, was jedem von uns unerbittlich bevorsteht, früher oder später.
Auch an diesem Morgen hat die Skulptur bei mir Gedenken und Gedanken ausgelöst, aber sie waren unbeschwerter und zuversichtlicher als sonst. Der warme Schein der Sonne auf den Gesichtern der beiden hat mich getröstet und heiter gestimmt.
Der Bildhauer Emilio Stanzani (1906–1977) hat die Skulptur aus Cristallina-Marmor 1946 bis 1950 geschaffen. Stanzani wuchs als Kind italienischer Emigranten in Zürich auf. Er ging zu Otto Münch in die Bildhauerlehre. 1968 wurde sein Schaffen mit dem Kunstpreis des Kantons Zürich geehrt. Bekannt wurde er vor allem durch seine Sportlerfiguren und seine Harlekine.
Aufschlussreich ist der Vergleich seiner Todesskulptur mit Bildern, die Marc Chagall zur Erschaffung des Menschen gestaltet hat. Er übersetzt dabei die allzu handwerkliche Idee des Erschaffens in eine Szene, in welcher der schlafende Adam durch einen geflügelten Boten vom Himmel zur Erde getragen wird. Chagalls Gestaltung des Anfangs und Stanzanis Gestaltung des Endes gleichen sich auffällig, als ob der eine die Frage „Wo komme ich her?“, der andere die Frage „Wo gehe ich hin?“ beantworten möchte. Der Engel, der bei Chagall nach hinten blickt, wo er herkommt, und der Engel Stanzanis, der nach vorn in die unendliche Weite sieht, sie geben letztlich dieselbe Antwort: aus der göttlichen Welt in die göttliche Welt. Während der Gottesbote bei beiden aufrecht und bewegt dargestellt ist, liegt der Mensch in einem rechten Winkel quer zu ihm, in ohnmächtigen Schlaf gesunken. Vertikale und Horizontale, Bewegung und Reglosigkeit, Bewusstsein und Bewusstlosigkeit verbinden sich also in der Grundfigur des Kreuzes. Doch der seiner selbst nicht mächtige Mensch wird gehalten, umfangen von den Armen des Engels, wenngleich er bald aufwachen wird und dann auf eigenen Beinen stehen muss. Dies gilt nicht nur für den Anfang, auch am Ende des Lebens wartet die Hoffnung, ein Erwachen und Aufstehen, hinein in eine neue, göttliche Dimension.
Emilio Stanzani nannte seine Skulptur „Pietà “ und reihte sie damit in die lange christliche Tradition so genannter „Vesperbilder“, die Maria mit ihrem toten Sohn auf dem Schoss zeigen. Aber das ursprüngliche Andachtsbild der Marienklage wird von ihm anders definiert. Nicht mehr Maria ist gemeint, in deren Trauer um ihren Sohn sich auch das Geschick unzähliger Mütter spiegelte, sondern der androgyne Engel steht da, vermittelnd zwischen Gott und den Menschen, und hält den leblosen Toten über seinem Schoss an sich gedrückt. Diese Geste bringt in biblischer Sicht etwas vom Wesen Gottes zum Ausdruck. Vom hebräischen Wort „rächäm“ für Schoss oder Gebärmutter leitet sich das Wort „racham“ ab, das „sich erbarmen“ bedeutet, und „rachamim“, was „Mitgefühl“ oder „Mitleid“ bezeichnet. Dieser Bildsprache folgend kehrt der Mensch am Ende des Lebens in den Schoss der Erde, aber auch in Gottes Schoss, in seine mitfühlende Geborgenheit zurück. In Gebeten beinhaltet das italienische Wort „pietà “ übrigens die Bitte um Erbarmen.
Emilio Stanzanis Pietà mag unsere Hoffnung stärken, dass unser Leben einst geborgen wird und dass wir mit unserem Tod nicht in eisige Abgründe stürzen, sondern in Gottes neuer Welt gut aufgehoben sein werden.
WALTER ACHERMANN