Der Heilige Gral
Und das meint der Decoder dazu: Die Legende um den Heiligen Gral taucht in verschiedenen mittelalterlichen Erzählungen des 12. Jahrhunderts auf. Darin wird der Gral als wundertätiger, heiliger Gegenstand beschrieben, als Kelch oder Stein, der Glückseligkeit, ewige Jugend und Speisen wie im Schlaraffenland spendet. In der unzugänglichen Gralsburg wird er vom Gralskönig und den Gralsrittern bewacht. Weil aber der König krank oder verletzt ist, muss ein Held her, der ihn erlösen und ablösen kann. Dieser Held wächst abseits der Welt auf und gilt zunächst als „tumber Tor“ und „grosser Narr“. Da er aber überaus tapfer und mutig ist, wird er am Hof von König Artus zum Ritter geschlagen und in dessen Tafelrunde aufgenommen. Auf seiner Suche nach dem Gral wird der Held vor immer neue Proben gestellt: Mal muss er die richtige Frage stellen, mal eine Burg erobern oder Unrecht rächen. Durch diese Heldentaten wird der Gralshüter geheilt, das Land erblüht zum Paradies und der Held wird Nachfolger des Gralskönigs.
In den Gralserzählungen vermischen sich keltisches, christliches und orientalisches Sagengut. Die älteste Version ist der unvollendete Perceval-Roman des französischen Dichters Chrétien de Troyes. Robert de Boron hat den Stoff am Ende des 12. Jahrhunderts erstmals um christliche Motive bereichert: Der Gral ist nun der Kelch, den Jesus beim Letzten Abendmahl verwendet und in dem Josef von Arimathäa das Blut des Gekreuzigten aufgefangen hat. Vor den Römern flüchtend, habe dieser den Gral später nach England gebracht.
In die deutschsprachige Literatur kommt die Sage zu Beginn des 13. Jahrhunderts durch Wolfram von Eschenbachs „Parzival“. Hier ist der Gral ein Stein oder Steingefäss, das den Gralsrittern Speise und Trank spendet und nur für Getaufte sichtbar ist. Der Versroman erzählt von den Abenteuern der beiden Hauptfiguren, dem Titelhelden und dem Artusritter Gawan. Während Letzterer sich in den zahlreichen Aufgaben immer erfolgreich bewährt, macht Parzival eine persönliche Entwicklung mit vielen Höhen und Tiefen durch, bis er sich schliesslich vom naiven Narren zum ehrenhaften Gralskönig mausert. Das Epos leitet am Ende zur Geschichte von Parzivals Sohn Lohengrin über. Von Eschenbachs Parzival-Erzählung wurde sowohl in der Bildenden Kunst wie auch in der Musik vielfach aufgenommen. Das bekannteste Werk ist Richard Wagners Oper „Parsifal“, die 1882 uraufgeführt wurde.
Dan Browns Gralsinterpretation nun stammt ursprünglich aus dem pseudowissenschaftlichen Buch „Der heilige Gral und seine Erben“ von Henry Lincoln, Michael Baigent und Richard Leigh, in dem jene These von der heiligen Blutlinie aufgestellt wird. Eine der Hauptpersonen in „Sakrileg“ ist der Gralsforscher Leigh Teabing, wobei Leigh den Nachnamen des einen Autors meint und Teabing ein Anagramm von Baigent darstellt. „Der heilige Gral und seine Erben“ vertritt allerdings derart abstruse Thesen, dass sich Wissenschaftler weigerten, auch nur eine Buchbesprechung zu schreiben.
JUDITH HARDEGGER