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Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 21, 2006 "Das Tier rückt uns immer näher"
Im Gespräch mit dem Tierethiker Klaus Peter Rippe

"Das Tier rückt uns immer näher"

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Tiere sollten mit Respekt und Fürsorge behandelt werden. Die Realität jedoch sieht vielerorts anders aus. Das forum hat sich anlässlich des Welttiertages mit dem Tierethiker Klaus Peter Rippe über die Würde der Kreatur und die Beziehung von Mensch und Tier unterhalten.

forum: Tierversuche und Massentierhaltung auf der einen, Katzenfutter mit Kalorienangaben und Tierkrematorien, die Trauerseminare für hinterbliebene Menschen anbieten, auf der anderen Seite: Das Verhältnis von Mensch und Tier ist in Schieflage geraten.
Klaus Peter Rippe: Allerdings! Eine Schieflage, die je nach Bereich unterschiedlich gross ist. Ob wir hineingeraten sind oder schon immer drin waren, sollten wir offen lassen. Schliesslich drücken sich hier alte Werthaltungen aus. Tatsache ist, dass das Gefühl besteht, Tiere seien etwas viel Niedrigeres, etwas, das wir benützen dürften, ungeachtet dessen, ob sie leiden oder Schmerzen empfinden. Hauptsache, wir haben etwas davon.

Wie sieht eine angemessene Mensch-Tier-Beziehung aus?
Angemessen ist erst einmal, dass wir nicht darauf achten, was wir von einem Tier haben, sondern welches Wesen uns gegenübersteht. Tiere haben Wünsche, es kann ihnen gut oder schlecht gehen, vor allem aber können sie leiden und Schmerzen empfinden – darin sind sie uns gleich. Ausgehend von dieser Tatsache ändert sich der Blickwinkel: Massen-tierhaltung wird fragwürdig und auch der Um-gang mit Haustieren ist sensibler zu gestalten. Die grossen Probleme jedoch liegen nicht im privaten Bereich, sondern bei der Nutzung in der Massentierhaltung und im Tierversuch.

Als einziges Land hat die Schweiz die Würde der Kreatur verfassungsmässig verankert. Was aber versteht man unter „Würde der Kreatur“?
Zunächst bedeutet die Würde der Kreatur, anzuerkennen, dass Tiere keine Sachen sind, sondern Wesen mit moralischen Ansprüchen. Um ihnen Leid und Schmerz zuzufügen, müssen wir gute Gründe haben. Das gilt vom Tierhalter, der seine Katzen kastrieren lässt, über den Bauern, der sein Schwein töten will, bis hin zum Wissenschaftler, der eine Maus im Tierversuch nutzt.

Wie unterscheidet sich die Würde des Tieres von der Würde des Menschen?
Die Menschenwürde gilt als unantastbar und darf nicht in eine Güterabwägung einbezogen werden. Unabhängig davon, wie viel Nutzen andere davon haben könnten: gewisse Sachen wie zum Beispiel Folter oder Forschung ohne vorhergehende informierte Einwilligung dürfen mit einem Menschen nicht gemacht werden. Beim Tier jedoch waren bis ins letzte Jahrhundert hinein stets Güterabwägungen denkbar. Aber auch in diesem Bereich ist man heute vorsichtiger geworden. Eingriffe, die einem Tier unzumutbare Schäden zufügen, werden ebenfalls moralisch abgelehnt, unabhängig von dem entstehenden Nutzen für den Menschen. Damit nähert sich der Begriff der Würde des Tieres langsam der Würde des Menschen an.

Wo liegen aus ethischer Sicht die Unterschiede zwischen Tier und Mensch?
Der Hauptunterschied liegt in der Sprache, die dem Menschen eine komplexe Kommunikation und die Formulierung moralischer Urteile ermöglicht. Zudem ist der Mensch in höherem Masse fähig, seine Neigungen zu kontrollieren. Die Unterschiede zwischen Mensch und Tier sind jedoch graduell. Den Menschen als vernunft-, das Tier als trieb-gesteuert zu sehen greift längst zu kurz. Je mehr wir von den Tieren wissen, desto mehr rücken sie uns näher.

Welches sind die entscheidenden Kriterien für den korrekten Umgang mit Tieren?
Ein Tier darf nicht leiden, es muss seine arttypischen Fähigkeiten ausleben können und es soll Freude haben. Wo immer wir mit Tieren zu tun haben, reicht es nicht, dafür zu sorgen, dass sie keine Schmerzen haben, es müssen auch Situationen geschaffen werden, die ihnen Freude bringen.

Das schweizerische Tierschutzgesetz formuliert als Grundsatz, dass niemand einem Tier ungerechtfertigt Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen oder es in Angst versetzen darf. Was aber ist gerechtfertigt?
Gerechtfertigt sind Massnahmen im Allgemeinen dann, wenn der Gewinn für den Menschen überwiegt. Im Bereich des Tierversuches etwa muss dem Leid von 200 Ratten und deren Tod ein grösserer Nutzen für den Menschen gegenüberstehen. Was natürlich immer eine Frage der Gewichtung ist. Wiegt ein Tag kürzere Hospitalisation den Tod von Tieren auf? Dass Luxus für den Menschen, wie zum Beispiel Kosmetika, niemals Leid und Schmerz von Tieren rechtfertigt, steht für mich eindeutig fest. Bei medizinischen Zwecken gilt es zu differenzieren.

Wenn die meisten Tiere empfindungsfähige, gefühlsbegabte Wesen mit Bewusstsein sind, können wir uns da Tierversuche und Massentierhaltung überhaupt noch erlauben?
Die jetzige Form der Massentierhaltung ist aus ethischer Sicht nicht zulässig.
Da die Zufügung von Leid und Schmerz beim Tier im Allgemeinen einer Güterabwägung zugänglich ist, sind gewisse Tierversuche – zum Beispiel der Einsatz von Mäusen und Ratten in der Arteriosklerose-Forschung – sicher gerechtfertigt. Wichtig ist, dass die Prüfung sorgfältig geschieht. Das gilt sowohl für den Tierversuch wie für die Tierhaltung.

Sollten die Menschenaffen auf Grund ihrer kognitiven Fähigkeiten nicht grundsätzlich von Tierversuchen ausgenommen werden?
In der Tat sind uns Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans unglaublich ähnlich. Sie können zum Beispiel komplexe Täuschungen inszenieren, also das, was wir lügen nennen. Dies geschieht zwar nicht durch Sprache. Doch, wie sagte doch schon Thomas von Aquin? Auch mit Zeichen kann man lügen. Menschenaffen sind uns so nahe gerückt, dass es keinen Grund und damit kein Recht gibt, sie moralisch anders zu behandeln als uns selbst.

Wo sehen Sie heute im Umgang mit Tieren Veränderungsbedarf?
Bei den Tierversuchen geht es weniger darum, neue Gesetze zu schaffen, als die bestehenden Vorschriften umzusetzen. Konkret heisst das, dass die Tierversuchskommission ihre Aufgabe – die Güterabwägung von tierischem Leid und menschlichem Nutzen – auch wirklich verantwortungsvoll wahrnimmt. Noch immer wird heute kaum nachgefragt, wenn ein Mediziner den möglichen Gewinn für den Menschen bestätigt. Erfüllt ein Versuch wissenschaftliche Mindestansprüche, wird er oft als unerlässlich angesehen. Allerdings verlangt der Gedanke der Güterabwägung, weiterhin zu fragen, wie sinnvoll und wie wichtig der Versuch ist. Im Bereich der Massentierhaltung bedarf es eines Umdenkens gerade auch bei uns Konsumenten. Jeder von uns muss sich die Frage stellen, ob ihm das Steak auf dem Teller das Leiden der Tiere wert ist. Auch ich esse Fleisch, aber nur von Tieren, bei denen ich weiss, dass sie artgerecht gehalten wurden.
Tierethik verpflichtet also nicht zum Vegetarismus?
Sie verpflichtet mich, kein Fleisch aus Massentierhaltung zu essen. Das Töten von Schweinen und Rindern ist etwas anderes als das Töten eines Menschen – oder eines Menschenaffen.

Wie beurteilen Sie das revidierte Tierschutzgesetz, das Anfang 2007 in Kraft treten soll?
Insgesamt geht es in die richtige Richtung: Vor allem wird der Gedanke der Würde der Kreatur in die Gesetzgebung eingebunden. Bei Einzelaspekten wie dem Tiertransport hätte ich mir mehr Mut und Konsequenz gewünscht. Hier hätte ich grössere Restriktionen erwartet.

Wie könnte das Verhältnis zwischen Mensch und Tier wieder eine Balance finden?
Wir müssten das Bewusstsein, dass unser Verhältnis zur Kreatur gestört ist, endlich zulassen, anstatt es zu verdrängen. Das hiesse, genau hinzuschauen, zum Beispiel bei der Geflügelhaltung oder dem billig importierten Fleisch. Doch weil unser Leben jetzt so bequem ist, setzen wir auf bewusste Ignoranz. Soll sich etwas ändern, muss jeder seinen Beitrag leisten, seine Werte überdenken und sich neu orientieren.

GESPRÄCH: PIA STADLER

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Klaus Peter Rippe hat in Göttingen Philosophie, Ethnologie und Geschichte studiert und zum Thema "Ethischer Relativismus" promoviert. Seit 2002 ist er Geschäftsführer des privaten Ethik-Instituts "ethik im diskurs". Zudem präsidiert er die "Eidgenössische Ethikkommission für Biotechnologie im ausserhumanen Bereich".