Liebe Leserin, Lieber Leser
Spätestens seit dem „11. September“ scheint ein Begriff zentraler denn je:
interreligiöser Dialog. In unseren Breitengraden ist damit in erster Linie das jüdisch-christlich-islamische Gespräch gemeint. „Interreligiöser Dialog“ tönt gut, ist en vogue. Aber wer sich näher mit dem Thema befasst, bemerkt bald einmal, wie viel Zündstoff sich hinter diesem Schlagwort verbirgt. Miteinander ins Gespräch zu kommen, das gilt nicht nur im multikulturellen Zusammenleben als Mittel Nummer eins zur Konfliktbewältigung. In der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in der Familie lautet die Devise: „Mer muess halt mitenand rede.“ Dieser gut gemeinte Rat bringt allerdings nur etwas, wenn gewisse Grundvoraussetzungen erfüllt sind: Die beteiligten Gesprächspartner müssen bereit sein, ihre Position in Frage stellen zu lassen und allenfalls zu korrigieren. Bereits das ist, wenn es um Religion geht, äusserst heikel, weil religiöse Überzeugungen nicht ständig und beliebig neu geformt werden
können. Da ist neben Kompromissfindung auch Respekt gefragt und die Fähigkeit, verschiedene Haltungen nebeneinander
stehen lassen zu können. Weiter darf das Machtgefälle der Dialogteilnehmer nicht zu gross sein, wenn das Gespräch nicht zur Farce verkommen soll. Auf gleicher Augenhöhe diskutiert es sich am besten. Überheblichkeit, Stereotype und Vorurteile sind denkbar schlechte Gesprächsgrundlagen, und wer nicht zuhören kann, dem nützt das gescheiteste Reden ohnehin nichts. Doch das Wichtigste im Dialog überhaupt und im interreligiösen
besonders ist dies: Ich muss meinen eigenen Standpunkt
kennen und mir im Klaren darüber sein, was ich selber glaube, welche Positionen für mich verhandelbar sind und welche nicht, welche Werte unverzichtbar und welche Traditionen mir lieb sind, kurz: was ich eigentlich vertreten und auch verteidigen will. Andernfalls sind die Grenzen zwischen Toleranz, Ignoranz und Selbstaufgabe allzu fliessend.
JUDITH HARDEGGER