Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 20, 2006 Der Lieblingsjünger
Menschen der Bibel: zum Beispiel der Jünger, den Jesus liebte

Der Lieblingsjünger

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An verschiedenen Stellen des Johannes-Evangeliums ist vom Jünger die Rede, „den Jesus liebte“. Allerdings nur im zweiten Teil, der vom Leiden, Sterben und der Auferstehung Jesu berichtet:
Der Lieblingsjünger lag beim letzten Abendmahl an der Seite Jesu und lehnte sich an seine Brust. Er fragte nach dem Verräter. Er war beim Verhör Jesu durch den Hohenpriester Kajaphas dabei. Vom Kreuz herab vertraute ihm Jesus seine Mutter an. Er war mit Petrus am leeren Grab, „sah und glaubte“. Er erkannte den Auferstandenen zuerst, als dieser ihnen beim Fischen erschien. Er hat alles, was geschehen ist, bezeugt und aufgeschrieben; und „wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist“, heisst es am Schluss des Johannes-Evangeliums.
Die kirchliche Tradition hat dem Lieblingsjünger den Namen Johannes gegeben und ihn mit dem Sohn des Zebedäus identifiziert, der in den anderen Evangelien auch genannt wird. Sie hielt ihn auch für den Verfasser des Johannes-Evangeliums. Historisch betrachtet ist diese Zuordnung jedoch nicht sehr wahrscheinlich. Gegen sie spricht vor allem, dass das Johannes-Evangelium nie den Namen des Lieblingsjüngers nennt. Wer er wirklich war, ist im Dunkel der Geschichte versunken. Man kann nur sagen: Er war für die Gemeinde, in der das Johannes-Evangelium entstand, eine sehr wichtige Person, die für die Wahrheit der Botschaft garantierte.
Trotz dieses dünnen Befunds ist der Jünger, den Jesus liebte, eine wichtige Gestalt des christlichen Glaubens. Zuerst stellt sich natürlich die Frage, ob Jesus tatsächlich für einen der Jünger besondere Gefühle hegte. Diese Vorstellung mag in uns Unsicherheit und gar Eifersucht auslösen. Jesus verkörperte die Liebe Gottes zu allen Menschen wie kein anderer. Der Gedanke, dass er für Einzelne mehr empfand, ist gewöhnungsbedürftig. Andererseits bringt er uns Jesus nochmals näher, der eben seine Liebe nicht völlig gleichmässig und automatisch verströmte, sondern einige näher an sich heranliess als andere.
Wenn wir das Menschsein Jesu wirklich ernst nehmen, spricht nichts dagegen, dass ihm ein einzelner Mensch besonders nahe war und ihm auch mehr und tiefere Impulse geben konnte als die anderen. Einer, der ihn besser verstand, weil er ähnlich empfand und glaubte. Wir glauben heute, dass nicht nur wir Gott brauchen, sondern dass auch er uns braucht. Wie viel mehr gilt das für den Menschen Jesus: Auch er brauchte einen, der stark war im Gottvertrauen und im Beten, wenn er schwach war. Er brauchte einen, der ihn auf Bedürfnisse anderer aufmerksam machte und der ihn auf blinde Flecken hinwies. Auch Jesus brauchte Nähe und Vertrautheit. In der damaligen orientalischen Gesellschaft war übrigens nichts Zweideutiges dabei, wenn befreundete Männer sich zärtlich berührten und umarmten – das gilt bis heute.
Dass den Jüngern Jesu Neid und Streit um die Plätze in der Nähe und im Herzen Jesu nicht fremd waren, hören wir aus den Evangelien. Es war wohl für den Lieblingsjünger nicht einfach, mit der Eifersucht seiner Freunde klarzukommen. Andererseits muss er ja ein sehr gewinnender Mensch gewesen sein, sonst hätte ihn Jesus nicht so lieb gehabt. Seine Kollegen und Kolleginnen im Jüngerkreis hätten besser daran getan, das Gewinnende in sich mehr zu entwickeln, als sich in sinnlose Neidgefühle zu ergeben. Wir Nachgeborenen dagegen haben ihm gegenüber keinen Grund mehr zur Eifersucht, sondern vielmehr zur Dankbarkeit. Wir verdanken ihm nicht nur sein zwar indirektes, aber wichtiges Zeugnis für Jesus und seine Botschaft, sondern auch die Erkenntnis, dass es möglich ist, an der Brust Jesu zu ruhen, wie er an der Brust des Vaters ruht.

GISELA TSCHUDIN,
GEMEINDELEITERIN ZÜRICH-ST. MARTIN

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