Damit Visionen greifbar werden
„Eine glaubwürdige Kirche, die lebt, was sie lehrt.“ Dieser Leitsatz stand am Schluss zuoberst auf der Wunschliste. Bis es so weit war, absolvierten die knapp 300 Personen einen intensiven, minutiös geplanten Austausch-Parcours. Der Blick in die Runde bot ein buntes, alters- und geschlechtsmässig gut durchmischtes Bild. Allen Anwesenden gemeinsam war, dass man sich zu diesem Zukunftsprojekt hatte anstecken lassen, das vom Generalvikariat initiiert und von der Kantonalkirche mitgetragen und ermöglicht wird. Äusserer Anlass dafür ist der 10. September 2007. Dann wird es 200 Jahre her sein, dass den Katholiken nach der Reformation in Zürich wieder erlaubt wurde, regelmässig die Messe zu feiern.
Sinnigerweise trafen sich die Delegierten in der Pfarrei Heilig Geist in Zürich-Höngg, die sich als aufmerksame und engagierte Gastgeberin erwies. In diesem besonderen Geist begrüsste auch die Gemeindeleiterin Isabella Skulian die Delegierten aus 68 Pfarreien sowie 14 kirchlichen Institutionen, Fachstellen und Gremien.
In seinen einleitenden Worten betonte Weihbischof Paul Vollmar, dass Laien und Priester gleichermassen berufen seien, Visionen zu entwickeln. Er betonte aber gleichzeitig, dass man sich am Mach- und Umsetzbaren orientieren müsse.
Danach startete die als Grossgruppenkonferenz organisierte Veranstaltung in 35 Diskussionskreisen, wobei einer davon den Gästen und Beobachtern aus dem Kanton Glarus, für den das Generalvikariat ebenfalls zuständig ist, sowie der reformierten und der christkatholischen Kirche vorbehalten war.
WAHRNEHMUNG UND VISION
Gewissermassen als Sprungbrett für die weitere Diskussion wurden zunächst Sonnen- und Schattenseiten zusammengetragen und anschliessend in einem – sich im Laufe des Tages mehrmals wiederholenden – Abstimmungsprozedere priorisiert. Die daraus resultierende Liste der Sonnenseiten wurde angeführt von „Kirche als Ort der Kraft“ und „Pfarrei als Ort der Begegnung“. Auf der Schattenseite fiel ins Gewicht: „Konfliktfähigkeit fehlt (Frauenfragen)“, „Kirche nicht im Leben und im Heute“, „Diskrepanz zwischen Kirchen- und Alltagssprache“.
Anschliessend an diese erste Auslegeordnung referierte der Religionssoziologe Paul M. Zulehner, welche Visionen die Kirche in die Zukunft tragen könnten, denn ohne Visionen, so sein vorweggenommenes Fazit, gehe die Kirche zugrunde. In seinem Impulsreferat erläuterte er pointiert und anschaulich seine beiden bekannten „Visions-Säulen“: Die Kirche müsse die Solidarität mit den Modernisierungsverlierern leben, also eine diakonische Kirche sein. Und sie müsse den Menschen begegnen, die nach Sinn suchen, und diese auch herausfordern, also eine spirituelle Kirche sein.
In einer direkten Reaktion auf die zuvor zusammengetragenen Sonnen- und Schattenseiten wies Zulehner darauf hin, dass in den insgesamt 80 Punkten das Wort „Gott“ nicht vorgekommen sei. Tatsächlich hatte sich die Diskussion bis dahin schwergewichtig um strukturelle Fragen gedreht.
Als wolle man diesen Eindruck korrigieren respektive den Fokus schärfen, erhielten im nächsten Schritt diakonische und spirituelle Dimensionen ein verstärktes Gewicht. Nach dem eingangs zitierten Leitsatz folgten als Visionen: „Gelebte, gleichberechtigte und damit glaubwürdige Gemeinschaft mit einem aufmerksamen Blick für Mitmenschen“ und danach „Kirche als Ort der Gottesbegegnung und -erfahrung“.
Da die Veranstaltung nicht Endpunkt, sondern Startschuss sein sollte, wurden in einem vierten Schritt die Handlungsfelder abgesteckt, auf denen sich die Visionen verwirklichen lassen. An die erste Stelle wurde „Menschen dort abholen, wo sie stehen“ gewählt, was in diesem Zusammenhang wohl heissen muss, dass in den Pfarreien die nächsten Schritte anstehen.
Genau das ist das Ziel des folgenden Jahres. Im September 2007 soll eine Ergebniskonferenz stattfinden, von der René Zihl-mann, Präsident der Zentralkommission, heute schon überzeugt ist, dass sie „eine lebendige Kirche Zürich vorstellen“ wird.
Auf dem Weg dorthin sollen nun in vergleichbarer Weise in den Pfarreien Visionen und konkrete Handlungsmöglichkeiten ausgelotet werden. Und man will konkrete Lösungsansätze und entsprechende Massnahmen entwickeln. Themen, die sich aufgrund der Eröffnungsveranstaltung abzeichnen, sind Gesprächs- und Konfliktkultur, Jugend und Kirche sowie Caritas und Wirtschaftsethik.
Die Eröffnungsveranstaltung wurde mit einem gemeinsamen Gottesdienst abgerundet. Er sollte gleichzeitig Ausklang und Ermutigung auf einem Weg sein, der an diesem 9. September begonnen hat.
THOMAS BINOTTO