Alle sind unterwegs
forum: In den letzten zwei Jahren sind in der Schweiz gleich drei neue Gremien für den interreligiösen Dialog gegründet worden. Das Thema scheint hochaktuell.
Michel Bollag: Es herrscht momentan in der Tat ein akutes Bedürfnis nach interreligiösem Austausch – denken wir nur an die laufende Minarett-Debatte. Lange Zeit scherte sich die Gesellschaft wenig um Religion, jetzt plötzlich wird sie als Konfliktfeld wahrgenommen. Gleichzeitig steht die These im Raum: Wenn man miteinander redet und versucht, verschiedene Glaubensgrundlagen zu verstehen, lernt man gegenseitigen Respekt und entschärft damit Konflikte.
Stimmt das denn nicht?
Doch, aber interreligiöser Dialog ist kein Sonntagsspaziergang, sondern ein auch schmerzhafter Prozess. Wer sich auf diesen Dialog einlässt, wird feststellen, dass sich die eigene Glaubensweise verändert.
Wenn interreligiöser Dialog etwas bringen soll, dann wäre der nächste Schritt der Dialog innerhalb der eigenen Religion. Die Einsichten, die sich aus dem interreligiösen Gespräch ergeben, sollten in die eigene Glaubensgemeinschaft eingebracht werden. Auch das ist oft nicht einfach.
Welche Strategien kommen im interreligiösen Dialog zur Anwendung?
Gremien wie der neulich gegründete Rat der Religionen sind so was wie Feuerlöscher, denn sie befassen sich mit akuten problembehafteten Fragestellungen. Demgegenüber verfolgt das Zürcher Lehrhaus eine andere Strategie. Die jüdische Tradition geht davon aus: Glauben ist nicht einfach etwas fertig Gegebenes, sondern Glauben ist Lernen. Wenn man sich und andere besser verstehen will, kommt man nicht ums Lernen herum.
Sie haben die Minarett-Debatte angesprochen. Wenn wir das als Beispiel nehmen: Wie sind Sie persönlich in Ihrer Arbeit mit diesem Thema konfrontiert?
Wir erhalten immer wieder Anfragen zum Islam, aus denen eine grosse Verunsicherung spricht. Deshalb bieten wir Kurse über den Islam an, damit sich die Leute informieren können und ein differenzierteres Bild erhalten, als es die Medien darbieten. Im besten Fall wird dieses Wissen dann wieder weitergegeben, von Lehrkräften in Schulen zum Beispiel. Die Schwierigkeit dabei ist allerdings, dass es bei uns noch wenige Fachkräfte gibt, die selber vom Islam her kommen. Ansprechpartner sind immer dieselben Leute, und die können auch nicht überall sein. Kommt hinzu, dass sie immer wieder mit irgendwelchen Gewalttaten identifiziert werden – ein Phänomen, das ich auch aus jüdischer Perspektive sehr gut kenne. Ständig unter diesem Rechtfertigungsdruck zu stehen, ist natürlich belastend.
Und wie ist Ihre Haltung zur Minarett-Frage?
Wenn man dem Islam nicht einen gewissen öffentlichen Raum gibt, geht er in den Untergrund, und das ist doch genau das, was man nicht will. Man will nicht, dass sich der Islam zu einer Art Parallelgesellschaft entwickelt, wie das in England, Frankreich oder Deutschland der Fall ist. Je weniger Muslime integriert sind, desto grösser ist die Gefahr, dass sie auf religiöse Abwege abdriften und unkontrollierbar von Leuten instrumentalisiert werden. Das gilt natürlich nicht nur für Muslime.
Bringt organisierter interreligiöser Dialog wirklich etwas oder erreicht er nur diejenigen Leute, die ohnehin keine Probleme mit Minaretten, Kopftüchern oder Kreuzen haben?
Es ist schon so, die Dialogszene ist marginalisiert, und zwar in doppelter Hinsicht: ers-tens, weil insbesondere die christliche Religion in der Gesellschaft marginalisiert ist und wir so was wie ein kirchliches Ghetto haben. Viele Leute sind zwar auf dem Papier Christen, doch von den Kirchen sind sie sehr weit weg. Damit ist auch der Dialog marginalisiert. Das heisst, man spricht immer wieder zu denselben Leuten, und die sind sowieso einverstanden.
Was ist dagegen zu tun?
Interessanterweise eröffnen sich Wege durch die Wirtschaft, die offenbar entdeckt, dass religiöse Themen auch für sie von Belang sein könnten. Vor kurzem wurde an der Zürcher theologischen Fakultät das Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik eröffnet. Der Lehrstuhl wird von der „Swiss Re“ gesponsert. Durch solche Vernetzungen kann der Dialog plötzlich in die Öffentlichkeit gelangen. Hier sehe ich eine Möglichkeit, die momentan engen Grenzen des Dialoges auszuweiten und in eine gesamtgesellschaftliche Debatte einmünden zu lassen.
Müsste nicht auch die Politik hier eingebunden werden?
Politiker für den interreligiösen Dialog zu sensibilisieren, ist deshalb sehr schwer, weil man eine ganz andere Sprache spricht. Die religiöse Sprache ist schwülstig und bildhaft, die politische kurz und bündig. Es fehlt an Politikern oder Beratern, die auch die religiöse Sprache kennen. Genauso müssten Theologen die politische oder wirtschaftliche Sprachkultur kennen lernen, damit auch hier Vernetzung möglich würde. Der erwähnte „Rat der Religionen“ ist ein Schritt in diese Richtung.
Es gibt diverse Räte, Gremien und Gesprächsgruppen, die sich mit interreligiösem Dialog befassen. Braucht es so viele? Wird der Dialog dadurch nicht verzettelt und unstrukturiert?
Obwohl es eine gewisse Konkurrenzierung zwischen einzelnen Institutionen gibt, gibt es auch fruchtbare Vernetzungen. Das Ganze ist ja ein noch relativ junges Phänomen, und ich rechne damit, dass mit der Zeit eine Konzentrierung der Kräfte stattfinden wird.
Was kann interreligiöser Dialog, was nicht? Wo sind die Grenzen?
Was er sicher nicht kann und in den meisten Fällen auch nicht will, ist die Schaffung einer Einheitsreligion. Der interreligiöse Dialog soll zeigen, dass es in unserer Gesellschaft eine Vielfalt von Glaubensweisen gibt, wobei jede einen anderen Aspekt der Beziehung zu Gott aufzeigt. Wenn es gelingt zu verstehen, dass die Wahrheit aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden kann, dann hat interreligiöser Dialog viel geleistet.
Es gibt aber auch Ansätze, die vor allem Gemeinsamkeiten der verschiedenen
Religionen herausschälen wollen. Hans Küng wäre hier ein Beispiel.
Hans Küng hatte zweifellos eine wichtige Inputfunktion, meiner Meinung nach geht er aber zu sehr von dem aus, was gleich ist, und sieht zu wenig das, was unterschiedlich ist. Letzteres ist aber ebenso wichtig und ist vor allem das, was zu Konflikten Anlass gibt. Ich sehe Küngs Verdienst eher darin, dass er das Interesse für andere Religionen geweckt hat, sein Ansatz reicht aber nicht aus.
Was ist für Sie das Hauptziel von interreligiösem Dialog?
Jede Religion sollte lernen, ihre eigenen dunklen Flecken zu sehen. Was für den einzelnen Menschen gilt, gilt auch für die Religion als Ganze: Es müssen Umkehrprozesse stattfinden. Schattenseiten entdeckt man am besten im Austausch mit anderen. Wenn alle Religionen mit sich selber kritisch sind, können sie auch die anderen besser respektieren, dann muss es nicht zum „Kampf der Kulturen“ kommen. Je besser wir den andern kennen, umso eher gelingt es, Projektionen zurückzunehmen.
Aber Hand aufs Herz: Gehört es nicht zum Wesen einer Religion, dass sie sich für die letztlich wahre und richtige hält? Ist da interreligiöser Dialog nicht doch nur ein frommer Wunsch?
Es kommt drauf an, was man für ein Wahrheitsverständnis hat. Die entscheidende Frage ist: Wie kann ich an der Überzeugung festhalten, dass mein Zugang zu Gott der richtige ist für mich und gleichzeitig zugestehen, dass der Zugang eines anderen auch richtig ist? Die Wahrheit bewährt sich im Dialog, meinte der jüdische Denker Emmanuel Levinas. Für mich heisst das: Wahr ist eine Religion dann, wenn sie den anderen nicht entwertet. Es geht um die Frage: Ist meine Glaubenswahrheit eine, die das Leben fördert und den andern respektiert, oder ist es eine, die den andern abwertet? Die Wahrheit einer Religion ist für mich keine dogmatische, sondern eine ethische.
Was halten Sie von interreligiösen Gottesdiensten?
Zuerst muss man miteinander reden, bevor man gemeinsam feiert. Interreligiöse Gottesdienste haben oft etwas Voyeuristisches an sich, denn Religion ist etwas sehr Intimes. Natürlich kann es Anlässe geben, wo eine interreligiöse Feier sinnvoll ist, doch es muss ja nicht gleich ein Gottesdienst in Vollform sein. Ein gemeinsames Friedensgebet, wenn sich eine Katastrophe ereignet oder ein Krieg ausbricht, ist da eine stimmige Variante.
Wann ist für Sie interreligiöser Dialog gelungen?
Wenn es gelingt, einen tiefen Respekt vor dem anderen zu schaffen und gleichzeitig das Verständnis meiner eigenen Religion wie auch meine eigene Spiritualität zu vertiefen.
INTERVIEW: JUDITH HARDEGGER
Interreligiöser Dialog in der Schweiz und im Kanton Zürich
Rat der Religionen  Â
Zum 2006 gegründeten Rat der Religionen gehören Spitzenvertreter der Schweizer Landeskirchen, der Juden und der Muslime. Von ihren Gremien gewählte Vertreter treffen sich regelmässig zum gegenseitigen Austausch über aktuelle religionspolitische Fragestellungen. Der Rat ist Ansprechpartner für die Bundesbehörden.
Interreligiöse Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz „Iras-Cotis“
Der 1992 gegründete Verein versteht sich als Interessengemeinschaft der in der Schweiz vertretenen Religionsgemeinschaften. Ziel ist es, die Begegnung zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften zu fördern und diese so zu beraten, dass ihre Bedürfnisse von politischen und kirchlichen Behörden verstanden werden.
www.iras-cotis.ch
Zürcher Forum der Religionen
1997 von der Stadt Zürich initiiert, ist das Zürcher Forum der Religionen ein Zusammenschluss religiöser Gemeinschaften und staatlicher Stellen im Kanton Zürich. Es bietet Informations- und Besuchsveranstaltungen, interreligiöse Feiern und Begegnungen sowie eine Vermittlungs- und Beratungsstelle.
www.forum-der-religionen.ch
Dialog Institut
Das Institut für interkulturelle Zusammen-arbeit und Dialog wurde 2004 gegründet und ist als politisch neutraler und gemeinnütziger Verein organisiert. Es bringt Menschen aus verschiedenen Kulturen ins Gespräch und setzt sich für Toleranz, Solidarität, Akzeptanz und Konfliktprävention ein.
www.dialog-institut.ch