SOS Narrenschiff
Mehr Zeit haben für Musse, Erholung, Familie und Freunde – das dürfte zu den Rennern unter den guten Vorsätzen fürs neue Jahr gehören. Vielleicht hat man sich zu Weihnachten sogar einen superschnellen Computer geleistet, damit die Verwirklichung des guten Vorsatzes nicht etwa am lahmen Werkzeug scheitert, denn digital geht alles viel schneller, effizienter und besser. Was nun folgt, ist der Aufbau einer Computeranlage und die Demontage einer Werbelüge. Noch im alten Jahr hatte ich bereits das erste telefonische Computer-Seelsorge-Gespräch, weil eine Freundin ihre Effizienzmaschine nicht mehr zum Stillstand brachte. Und das alles, obwohl mit dem Computer gleich zentnerweise Handbücher angeliefert werden, von denen jedes einzelne an Gewicht den grossen Klassikern gleichkommt. Oder man erhält die Anleitung auf einer CD-ROM geliefert und verbringt Stunden damit, Handbücher auszudrucken – was immerhin für die Computerfirma sehr zeit- und kostensparend ist. So oder so verbringt man die ersten Tage mit Verfluchungen der Schwachköpfe von Anleitungsschreibern. Oder mit Anrufen beim befreundeten Computerflüsterer, denn die Menschheit teilt sich in zwei Gruppen: jene, die Handbücher lesen, und jene, die jemanden kennen, der Handbücher liest. Wenn schliesslich nach Tagen endlich der erste Brief vom Drucker ausgespuckt wird, dann sieht er auch so aus – wie vom Zufallsgenerator verbrochen und mit Verwünschungen beladen. Ganz zu schweigen von den Weinkrämpfen angesichts des x-ten Absturzes. (Exorzismus für Computer, das wäre doch ein neues, zeitgemässes Feld für die kirchliche Seelsorge.)
Wenn man in diesen ersten Tagen und Wochen überhaupt noch unter den Lebenden auftaucht, dann mit einer Laune, die alles Mobile unweigerlich in die Flucht schlägt. Aber immerhin, eines muss man dem Computer lassen: Man spart tatsächlich eine Menge Zeit – wenn auch bislang erst bei den Mahlzeiten. Nach einigen Monaten bessert sich die Lage insofern, als die Resultate ansehnlicher, die Weinkrämpfe seltener und die Laune besser wird. Aber weniger Zeit verbringt man deshalb vor dem Computer noch lange nicht. Denn jetzt hat einen die Begeisterung gepackt. Von nun an wird alles mit dem Computer erledigt: eine dritte, elektronische Agenda, eine Datei zur Überprüfung des Eisschrankinhaltes und neue Beschriftungen für sämtliche Buchrücken, damit alles schön einheitlich aussieht.
Wenn man Glück hat, legt sich auch diese erste Verliebtheit und das Leben normalisiert sich einigermassen. Hin und wieder geht eine Arbeit sogar ein paar Minuten schneller voran als früher.
Wenn allerdings aus dem Arbeitszimmer die Antwort kommt: „Bin gleich da, muss nur noch ganz kurz etwas am Computer erledigen …“ – dann können sich die computerlos Zurückgebliebenen auch in Zukunft getrost auf einen geruhsamen und einsamen Abend in Musse vorbereiten.
 THOMAS BINOTTO