Der gespaltene Mensch
Nach der jüdisch-christlichen Schöpfungsgeschichte war Adam der Urmensch, und so hiess er auch. Adam ist ursprünglich ein Gattungsbegriff und bedeutet schlicht und einfach „Mensch“. Erst nach der Vertreibung aus dem Paradies, als er der „Menschin“ den Namen Eva gab, entstand gleichsam die Tradition, die Menschen durch Vornamen zu unterscheiden und ihre Individualität damit sichtbar zu machen.
Es klingt paradox, aber Adam wurde erst zum unverwechselbaren Individuum, als er Gesellschaft erhielt. „Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine bleibt“. sprach Gott. Und nachdem die Tiere Adam nicht jene Gefährten sein konnten, die er brauchte, schuf Gott „aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und brachte sie zum Menschen“. Der Mensch wird erst durch andere Menschen eine Persönlichkeit. Individualität und Gemeinschaft bedingen einander. Dieses Motiv zieht sich durch die gesamte Bibel. Erst dank einer Gruppe werden wir als Einzelwesen wahrgenommen. Die Gemeinschaft erlaubt mir, unverwechselbar und einzigartig zu sein.
Individualität hat allerdings auch ihre Kehrseite, wie eine zweite, ebenso leicht zu übersehende Stelle deutlich macht, die angebliche Verführung Adams zur Sünde: „Sie nahm von seinen Früchten und ass; sie gab auch ihrem Mann neben ihr, und auch er ass.“ Das ist sie, die Schilderung dessen, was später als Verführung Adams ausgemalt und der Weiblichkeit immer wieder zur Last gelegt wurde. Wo bitte steckt hier die Verführung? Adam musste weder gelockt noch überredet werden, er hat keinen Moment gezögert, keinerlei Bedenken angemeldet. Keine weiblichen Verführungskünste und Reize. Die beiden haben schlicht und einfach zusammen von den verbotenen Früchten gegessen, in ungetrübter Harmonie. Erst dann war es mit dieser Einträchtigkeit ein für allemal aus, denn danach merkten sie plötzlich, dass sie nackt waren, verschieden, Mann und Frau. Das Vergleichen nahm hier seinen Anfang, die Unschuld wich der Begierde, die Keimzelle des Neides war geboren, jenes Neides, der bereits eine Generation später zum ersten Mord führte.
Erst als das Verhältnis zwischen Mann und Frau bereits gestört war, die Einheit zerbrochen, erst jetzt folgt die verhängnisvolle Stelle: „Nach deinem Mann wirst du Verlangen haben; er aber wird über dich herrschen.“ Im Schöpfungsbericht ist die Unterordnung der Frau unter den Mann also eindeutig eine der schlimmen Folgen des Sündenfalls, kein paradiesischer Zustand. Gott hatte es anders geplant. Deshalb ist es geradezu grotesk, wenn im Laufe der Jahrhunderte die Vorherrschaft des Mannes als göttliches Gesetz behauptet wurde. Sie steht zwar in der Bibel, aber als die Schilderung eines Unheils.
Es ist auch noch von anderer Mühsal die Rede: „Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen“, sagt Gott zu Adam. Und zu Eva: „Unter Schmerzen sollst du Kinder gebären.“ Nochmals: Alles, was die Bibel hier beschreibt, gehört zu den Leiden, die wir lindern müssen. Es ist absurd, dass einst behauptet wurde, Schmerzen bei der Geburt dürften nicht vermindert werden, weil diese Schmerzen ein Gebot Gottes seien. Alle Anstrengungen der Menschen und auch jene von Gott selbst, der dafür Jesus Christus eingesetzt hat, zielen dahin, die Trennung vom Paradies letztlich zu überwinden. Die Umkehrung der Herrschaftsverhältnisse kann allerdings nicht die Lösung sein. Wirklich überwunden haben wir das Unheil erst, wenn Herrschaft als Begriff gar nicht mehr existiert, wenn das Vergleichen ein Ende hat. Zugegeben, das ist eine paradiesische Vision, aber genau darum geht es ja.
THOMAS BINOTTO