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Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 2, 2006 Ein Schulwechsel trägt Früchte
Aus der Einzelfall-Beratung

Ein Schulwechsel trägt Früchte

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Armut ist vererbbar. Wenn es den Eltern an finanziellen Mitteln, sozialem Netz und Status mangelt, dann vermindert dies die Chancen für ihre Kinder, Schule und Ausbildung erfolgreich zu durchlaufen. Auch eine Erwerbstätigkeit zu finden, die genügend Raum für eine befriedigende Lebensgestaltung bietet, wird schwierig. Um den Teufelskreis der sozialen Vererbung von Armut zu durchbrechen, fördert die Caritas Projekte, welche die Chancen armutsbetroffener Kinder auf gute Bildung erhöhen und einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben ermöglichen

„Am stärksten leiden immer die Kinder unter der Armut“, sagt Christine S. (50). „Lieber schränke ich mich deshalb selber ein, damit mein Sohn die finanzielle Knappheit möglichst wenig zu spüren bekommt.“ Was schmerzt, ist nicht so sehr die materielle Entbehrung, als das Gefühl des Ausgeschlossenseins. „Für seine 16 Jahre stellt Armin keine grossen Ansprüche. Er trägt keine Markenjeans, verzichtet auf iPod und Snowboard und verbringt den Grossteil seiner Freizeit zu Hause. Aber ich sehe, wie schwierig es für ihn ist, beim Snowboarden seinen Schulkollegen unterlegen zu sein, weil wir uns Snowboardkurse nie leisten konnten, und wie er sich isoliert fühlt, weil ich ihm die Ferien mit seinen Cousins nicht bezahlen kann.“ Und: „Es tut weh, dem eigenen Kind nicht ermöglichen zu können, was für andere selbstverständlich ist.“
Auch für Christine S. bedeutet Armut, nicht dazuzugehören zur Gesellschaft; abseits zu stehen. Und obwohl sie heute ohne Unterstützungsleistungen auskommt, ist das Gefühl der Verwundbarkeit geblieben. „Das Monatsende bedeutet für mich immer Stress. Die bange Frage: Reicht das Geld? Und das Wissen: Es darf nichts Unerwartetes geschehen. Eine Krankheit, unvorhergesehene Ausgaben, und schon bin ich wieder auf fremde Hilfe angewiesen.“
Die Erinnerung an die Zeit, als staatliche und private Unterstützung für sie der einzige Ausweg aus einer finanziell und psychisch ausweglos scheinenden Situation war, ist noch lebendig.
Es kam schleichend. Bis dahin in stabilen Verhältnissen lebend, hatte sich Christine S. von ihrem Mann getrennt, als der Sohn sechs Jahre alt war. Beratungsgespräche bei kirchlichen Sozialstellen halfen wenig. Zwei Jahre später folgte die Scheidung. Damit begannen christliche Privatschule. „Er brauchte ein überschaubares, ruhiges Lernumfeld und ich wollte ihm bestmögliche Startchancen ins Leben geben. Dazu gehört eine gute Bildung.“ Die intensiv betreuten Klassen in der Privatschule halfen Armin, seine persönlichen und schulischen Probleme zu überwinden. Die Tagesschule entlastete Christine S. Die anfallenden Kosten sollte ein Darlehen decken.
Doch die anhaltenden finanziellen Probleme überforderten Christine S. bei der Lebensgestaltung. Sie suchte Hilfe bei der Caritas. Einem fremdem Menschen die persönliche Situation offen zu legen, empfand sie zwar als schwierig. Das anfängliche Gefühl der Scham wurde jedoch schon bald von Vertrauen und einer tragenden Beziehung zu ihrer Caritas- Kontaktperson abgelöst. Gemeinsam wurde ein Budget erstellt, das Einkaufsverhalten überdacht und ein Krankenkassenwechsel in die Wege geleitet. Mit einem finanziellen Beitrag von 5000 Franken deckte die Caritas eine offene Zahnarztrechnung. Christine S. sollte genügend Mittel zur Hand haben, um die Ausbildung von Armin weiter finanzieren zu können. Schulmaterial, Fahrkosten, Kleider – die Beträge summierten sich. Doch Christine S. begann langsam aufzuatmen. Was sie verdiente, reichte, um die Ausgaben zu decken.
Armin fühlte sich an der neuen Schule wohl und fand in musischen Fächern und im Sport Ausgleich zum kopflastigen Schulalltag. Sein Selbstvertrauen und seine sozialen Fähigkeiten stiegen. Die Mobbing-Erfahrungen gehörten im letzten Schuljahr der Vergangenheit an.
Armin hat sich zu einem gesunden, psychisch stabilen Jugendlichen entwickelt. Seine Leistungen im zehnten Schuljahr der Berufswahlschule sind gut. Im vergangenen Herbst hat er die Zusage für eine Lehrstelle erhalten. „Ein Geschenk des Himmels, für uns beide“, strahlt Christine S. Für Armin ist damit die Basis zu einem erfolgreichen Einstieg in die Berufstätigkeit und ein unabhängiges Leben gelegt, Christine S. wird finanziell entlastet und kann schrittweise ihr Darlehen zurückzahlen.

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LITERATURAUSWAHL

J. S. Volken, C. Knöpfel: „Armutsrisiko Nummer eins: geringe Bildung. Was wir über Armutskarrieren in der Schweiz wissen.“ Caritas-Verlag 2004.

R. Flisch: „Arm als Kind, arm für immer?“ Edition Soziothek 2004.

J. Fehr: „Luxus Kind?“ Vorschläge für eine neue Familienpolitik. Orell Füssli 2003.