„Die Haut der Humanität ist dünn“
Herr Schorlemmer, wenn Sie am nächsten Sonntag eine Predigt halten müssten zum Thema „Versöhnung“, welchen Bibeltext würden Sie wählen und welche drei Punkte möchten Sie auf jeden Fall aufgreifen?
Friedrich Schorlemmer: Ich würde auf jeden Fall 2 Korinther 5,20 nehmen: „So bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ Und ich würde auf folgende Punkte zu sprechen kommen:
Erstens ist das Wort Versöhnung kein Softwort. Versöhnung ist eine unglaublich grosse innere und äussere Leistung. Sie kleis-tert einen Konflikt nicht zu, sondern stellt sich diesem. Ich werfe unserer kirchlichen Tradition vor, dass sie dieses Wort zum Allerweltswort gemacht hat, das man einfach so verschleudert.
Zweitens kommt man nicht zur wirklichen Versöhnung, wenn man selber nicht erfahren hat, dass einem vergeben worden ist. Das erfährt man schon als Kind im Streit mit seinen Eltern: Ich war ganz daneben mit allem, was ich getan habe, aber ich bin wieder aufgefangen worden. Versöhnung ist das Kernthema des christlichen Glaubens.
Drittens ist unsere Haut der Humanität unglaublich dünn. Wir neigen in einem Konflikt schnell dazu, wieder in alte Schemen zurückzukehren, die wir in Gedanken längst überwunden haben. Also in das Schema von wahr – falsch, gut – böse, Opfer – Täter. Es braucht enorm Mühe, in jedem aufwallenden neuen Konflikt, gerade auch wenn einem Unrecht angetan worden ist, die Versöhnung zu suchen.
Aber stellt sich im Rückblick auf das abgründig Böse, wie es auch in der jüngsten Geschichte hervortrat, bei der Geiselnahme von Beslan etwa, im Irak oder jetzt im Libanon, nicht die Frage nach den Grenzen von „Versöhnung“?
Ich antworte zunächst mit einem Jesuswort: Bei uns Menschen ist es unmöglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich. Richtig und wichtig bleibt einer der eindrücklichsten Sätze von Fjodor Dostojewski, dass in jedem Menschen das Antlitz Gottes zu suchen ist. So etwas zu sagen, fällt bisweilen unglaublich schwer. Ich muss nämlich in der Fratze, die der andere mir zeigt, meine eigenen schrecklichen Möglichkeiten sehen. Das vermindert zwar nicht mein Bedürfnis nach Bestrafung, es macht aber einen kleinen Vorbehalt.
Sicher gibt es Situationen, in denen man auf das Wort „Versöhnung“ für eine Weile lang verzichten sollte, um es nicht zu entwerten. Nach dem Massaker von Beslan zu sagen, man müsste sich mit diesen Terroris-ten versöhnen, wäre eine Katastrophe menschlicher Kommunikation gewesen. Zuerst muss ich mich in die Opfer hineinversetzen und darf deren Rachegefühl nicht gleich kritisieren.
Heisst das nicht, dass immer nur von den Opfern her die Versöhnung angeboten werden kann?
Ja natürlich. Aber man muss den Opfern helfen. Man darf ihnen den Hass nicht vorwerfen, sondern muss ihn zuerst zu verstehen versuchen und ihn dann lenken oder besänftigen.
Fordern Sie nicht Unmenschliches: nämlich dass man imstande sein muss, sich in jeden Menschen hineinzuversetzen, in die Opfer zuerst und dann in die Täter?
Man soll das auch nicht täglich machen, man würde sonst krank davon. Wir leben jeden Tag von gelungenen Verdrängungen. Ich muss auch mit gutem Gewissen an der Sonne liegen können, um Kraft zu gewinnen fürs Engagement. Man kann es sich psychisch nicht leisten, jeden Tag seines Lebens Christ zu sein.
Sie haben Ihre Stimme immer wieder dezidiert als Christ in der Politik erhoben, haben zum Beispiel in der DDR den Demokratischen Aufbruch mitbegründet. Kann eine christliche Überzeugung mit politischen Sachzwängen versöhnt werden?
Wenn es richtig ist, dass Gott in die Welt gekommen ist, ist er in die Welt des Augustus gekommen. So ist es auch heute: Wenn man als Christ in der Welt ist, ist man konfrontiert mit den Auswirkungen der Politik. Es gibt keine Existenz der sauberen Hände, es sei denn, man tut wirklich gar nichts. Wer aber etwas tut, bleibt nicht ohne Schuld. Man muss sich den Konflikt zwischen dem Möglichen und dem Wünschbaren immer bewusst machen und ihn ja nicht wegreden. Ich glaube, dass die Kirche das kritische, aber nicht das selbstgerechte Ferment einer Gesellschaft sein muss, und wünschte mir, dass mehr Christen politisch tätig werden.
Wünschten Sie auch, dass sich die Kirchen stärker in die aktuelle Politik einmischen?
Ja natürlich. Aber sie müssen sich jeder Rechthaberei enthalten. Sie sollten nicht im Modus der Mahnenden, sondern im Modus der Bittenden das Nachdenken auf allen Seiten provozieren. Als sich Papst Johannes Paul II. entschieden gegen den Irakkrieg aussprach, wurde mir klar, dass es eine Weltkirche gibt, zu der ich auch gehöre. Sein Wort war so nötig, so überzeugend! In meinem neuen Buch „Woran du dein Herz hängst“ denke ich darüber nach, wie politisches Handeln christlich wird.
GESPRÄCH: BÉATRICE ACKLIN ZIMMERMANN
UND HANS-PETER VON DÄNIKEN
Nähere Informationen zum Referat von Friedrich Schorlemmer und zu den Jubliäumsveranstaltungen unter www.paulus-akademie.ch