Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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GLOSSE

SOS Narrenschiff

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Es gibt tausend Möglichkeiten, dem Christentum eine Abfuhr zu erteilen. „Ich bin Rationalist. Ich kann nur glauben, was ich auch verstehe“ ist eine davon. Zugegeben, das Glaubensbekenntnis ist eine Zumutung an den rationalen Verstand: An einen allmächtigen Schöpfer soll man glauben? An seinen Sohn, der Mensch und Gott zugleich war? Geboren von einer Jungfrau? Gekreuzigt, gestorben, begraben und auferstanden? Und dann noch bei lebendigem Leib aufgefahren in den Himmel? Unfassbar und damit unglaublich! Nichts davon verstehe ich wirklich. Nichts lässt sich rational erklären oder gar beweisen. Ob ich es also doch einmal mit knallhartem Rationalismus versuchen sollte?
Ich habe mich eine Viertelstunde lang einem Selbstversuch ausgesetzt – mit niederschmetterndem Resultat. Wenn ich nicht mehr glauben darf, was ich nicht verstehe, platzt mir der Kopf: Ich verstehe nicht, wie ein Flugzeug funktioniert, und steige dennoch vertrauensselig ein. Ich schwöre auf meinen Computer, obwohl sein Innenleben mir ein reines Mirakel ist. Ich glaube, dass im Mittelalter tatsächlich Menschen gelebt haben, obwohl ich mir das bestenfalls wie im Kino ausmalen kann. Manchmal vertraue ich sogar Politikern, obwohl sie nur Behauptungen und keine Beweise liefern. Und ich glaube selbstverständlich felsenfest daran, dass Roger Federer nicht gedopt ist.
An all das glaube ich wirklich. Aber auch ausserhalb meiner katholischen Einfalt ist Glaube. Massenhaft! Gewichtsverlust ohne Anstrengung, überteuerte Spazierstöcke, baumelnde Seelen, Quality Time, Synergien und Früheinschulung …
Je angestrengter ich versuche, Rationalist zu sein, desto einfältiger komme ich mir vor. Ich verbringe offenbar mehr Zeit damit, Dinge nicht zu verstehen, als sie zu durchschauen. Dass ich geliebt werde – unbegreiflich, wenn ich mich im Spiegel betrachte. Dass meine Eltern seit über vierzig Jahren verheiratet sind – unvorstellbar, wenn man ihren Eigensinn kennt. Dass ein Medikament hilft – unglaublich, sobald man den Beipackzettel gelesen hat.
Eintrag ins Logbuch: Weil mein Spatzenhirn unaufhörlich an Dinge glaubt, die es nicht versteht, kann mir mein bisschen Christentum wahrscheinlich auch nicht mehr schaden.

THOMAS BINOTTO

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Das „Narrenschiff“, 1494 von Sebastian Brant verfasst, ist eine spätmittelalterliche Satire, in der durch bewusste Übertreibung der Zeitgeist karikiert wird.