Liebe Leserin, Lieber Leser
Was auch immer die Gründe sein mögen, weshalb sich jemand für ein berufliches oder freiwilliges Engagement in unserer Kirche entscheidet – am Prestigegewinn jedenfalls liegt es nicht. Wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde und sage, dass ich katholische Theologin bin, werde ich regelmässig erst einmal mit grossen Augen angeschaut und dann gefragt, wie in aller Welt ich gerade auf so was gekommen sei, ob ich den Papst nicht daneben fände und warum ich an Gott glaube. Da beneide ich manchmal Leute mit alltäglicheren Arbeitsgebieten darum, dass sie sich nicht ständig für ihre Tätigkeit rechtfertigen müssen, dass sie keine voreiligen Schubladisierungen in konservativ, progressiv, fromm, feministisch oder sonst was hinnehmen müssen und auch nicht immer wieder nach einem persönlichen Berufungserlebnis gefragt werden.
Je mehr die Zahl der Kirchenmitglieder schrumpft, desto mehr werden kirchliche und theologische Berufe zu exotischen Randerscheinungen degradiert, weil immer weniger Menschen wissen, was eine Pastoralassistentin, eine Katechetin, ein Sakristan oder ein Diakon eigentlich ist. Aufklärung und Information tun hier not, deshalb hat die Schweizerische Bischofskonferenz
das Jahr 2006 zum Jahr der Berufungen erklärt. „Mystisch und solidarisch“ lautet der dazu gehörige Slogan. „Trotz allem“ würde ebenso gut passen: Obwohl die Karrierechancen begrenzt, die Arbeit anspruchsvoll, die Gehälter moderat und das gesellschaftliche Ansehen oft gering sind, lohnt es sich.
Warum, verraten die vielen persönlichen Statements in unserem Hauptbeitrag.
Auch wenn Diskussionen um kirchliche Organisationsform und Machtverteilung natürlich nötig sind, um befriedigendere Lösungen zu finden, darf eines nie in Vergessenheit geraten:
Es geht um die Fortführung dessen, was ein Mensch aus Nazareth begonnen hat und was er Königreich Gottes genannt hat. – Dafür lohnt sich der Einsatz. – Trotz allem!
JUDITH HARDEGGER