Alter schützt vor Torheit nicht
„Glücklich sind deine Männer, die allezeit vor dir stehen und deine Weisheit hören. Gepriesen sei Jahwe, dein Gott, der an dir Gefallen fand und dich auf den Thron Israels setzte“. Dieser Ausruf der Bewunderung stammt von keiner Geringeren als der sagenumwobenen Königin von Saba.
Mit grossem Gefolge und unermesslichen Schätzen im Gepäck war sie nach Jerusalem gekommen, um die viel gerühmte Weisheit Salomos auf die Probe zu stellen. Doch was sie vorfand, raubte ihr den Atem: Reichtum und Pracht, wohin das Auge reichte. Und mittendrin der König, umgeben von Beamten und Dienern in edelsten Gewändern und bewirtet mit den Köstlichkeiten dieser Welt.
Dabei hatte der junge Salomo damals gar nicht an Reichtum gedacht, als ihm Gott bei Gibeon im Traum die Erfüllung einer Bitte gewährte: Ein hörendes Herz hatte er sich gewünscht, um sein Volk regieren und das Gute vom Bösen unterscheiden zu können. In seiner Freude über so viel Klugheit hatte Gott Salomo nicht nur zum weisesten Mann seiner Zeit gemacht, sondern sein Reich auch noch gleich mit allen erdenklichen Reichtümern gesegnet. So erlebte Israel unter Salomo die Blüte seiner Jahre. Und Salomo dankte es Gott, indem er ihm in Jerusalem einen prächtigen Tempel baute. Das ganze Volk lebte in Wohlstand und Frieden, und die salomonischen Urteile des Königs sorgten dafür, dass jedes Kind die richtige Mutter fand.
Bei so viel legendärem Ruhm und Glanz drohen aber die dunkleren Seiten der Geschichte Salomos in Vergessenheit zu geraten. Dabei dürfen wir den Autoren der Bibel zugute halten, dass sie diese keineswegs unter den Tisch kehren. Dass Salomo die Frucht der nicht gerade unproblematischen Beziehung Davids zu Batseba war, kann ihm keiner zum Vorwurf machen. Auch nicht, dass seine Mutter und der Prophet Natan mit allen Mitteln für seine Thronbesteigung kämpften. Wie er aber in der Folge seinen Vollstrecker Benaja aussandte, um nach und nach all seine Gegner zu ermorden, erinnert schon eher an ein Mafiaepos. Und der Umstand, dass der Tempel und der Palast mit dem Schweiss von 153 600 Ausländern entstand, die Salomo in den Frondienst gezwungen hatte, entspricht auch nicht gerade unseren Vorstellungen einer modernen Integrationspolitik.
Man hätte das alles als Jugendsünden abtun können, wären da nicht noch die Frauen gewesen. Nicht weniger als siebenhundert fürstliche Frauen und dreihundert Nebenfrauen teilten sich mit der Tochter des Pharaos die Gunst des Königs. Das wäre an sich historisch kaum von Bedeutung gewesen, hätte der alternde Salomo sich nicht eines Tages verführen lassen, für die zahlreichen Götter seiner Frauen auch noch Altäre zu bauen. Mit diesem Verrat am Gott seiner Väter leitete er den Untergang seines Reiches ein.
Die Geschichte Salomos ist ein Loblied auf die Kraft der göttlichen Weisheit, die da, wo sie sich entfalten kann, Wohlstand und Frieden hervorbringt. Sie ist aber auch die Erinnerung daran, dass der Mensch, ganz gleich wie weise, einsichtig und mächtig er sein mag, letztlich immer Mensch bleibt.
BEAT ALTENBACH SJ,
HOCHSCHULSEELSORGER, AKI