Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

Vergangene Ausgabe
Leserbrief Service Archiv Impressum Kontakt
Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 17, 2006 Seelenverwandtschaft
Kunst und Kirche

Seelenverwandtschaft

Artikelaktionen
Wie ist das nun: Braucht Kirche die Kunst? Oder doch etwa Kunst die Kirche? Der Kunsthistoriker Johannes Stückelberger zu einem schillernden Paar und seiner wechselvollen Beziehung.

forum: Herr Stückelberger, was ist für Sie Kunst?
Johannes Stückelberger: Kunst ist für mich Auseinandersetzung mit Wirklichkeit. Spiegelung einer Wirklichkeit, die teilweise sichtbar, in grossen Bereichen jedoch unsichtbar ist. Kunst interessiert mich dort, wo sie versucht, in sichtbaren Medien das Unsichtbare darzustellen.

Wie beurteilen Sie die zeitgenössische Kunst?
Zeitgenössische Kunst generell – und damit meine ich die jeweilige Kunst einer Zeit – erlebe ich als immer wieder neue Herausforderung, die mich mit unbekannten Themen und neuen Antworten auf alte Fragen konfrontiert. Sie ist ein beglückendes Geschenk, das mich auf Dinge aufmerksam macht, die ich selbst so nicht gesehen hätte.
In den letzten zehn, fünfzehn Jahren ist die zeitgenössische Kunst sehr heterogen geworden. Klare Tendenzen lassen sich kaum mehr ausmachen. Ich werte diese Abwesenheit von Dogmen nicht als Beliebigkeit, sondern als Spiegel einer Gesellschaft, in der unterschiedliche Werte nebeneinander Bestand haben. Die Qualität eines Kunstwerkes lässt sich denn auch nicht mehr an den objektiven Massstäben von einst messen, sondern muss vom einzelnen Betrachter individuell geprüft werden. Ein gutes Kunstwerk ist spannend und reflektiert die Wirklichkeit in ihrer Komplexität.

Während die Kirche jahrhundertelang als Mäzenin der Kunst auftrat, fand in der Moderne eine zunehmende Entfremdung statt. In den letzten Jahren jedoch scheint sich auch die Kunst wieder vermehrt für die Religion zu interessieren: Zeitgenössische Künstler gehen zu Kirche und Religion zwar oft auf ironische Distanz, sind aber doch von ihr fasziniert. Braucht Kunst die Kirche?
Das Verhältnis zwischen Kunst und Kirche kann unter einem theologischen und einem historischen Aspekt diskutiert werden:
Theologisch betrachtet, haben religiöse und ästhetische Erfahrung sehr viel gemeinsam. Theologie – beziehungsweise die Kirche als Institution, wo Theologie gelebt wird – und Kunst sind seelenverwandt; sie gehören zusammen.
Historisch gesehen fand jedoch in der Tat seit dem Beginn der Moderne eine zunehmende Entfremdung zwischen Kunst und Kirche statt, was nicht heisst, dass sich die Künstler nicht weiterhin auch mit religiösen Themen auseinandergesetzt hätten. Sie wollten jedoch autonom und nicht länger von strengen kirchlichen Vorgaben eingeengt sein und zogen deshalb das Museum dem Kirchenraum vor.
In den vergangenen 15 Jahren haben die Künstler ihre Berührungsängste mit der Kirche zunehmend abgelegt. Ein Grund dafür ist, dass Künstler heute gerne für spezifische Orte arbeiten, das heisst für Orte, die nicht wie das Museum neutral sind, sondern eine Geschichte haben.
Die Kirche ist so ein Ort, den Künstler gerne „bespielen”, weil ihre Arbeiten hier, wo eine jahrtausendealte Geschichte und Rituale eingeschrieben sind, in einen grösseren Kontext eingebunden sind und umfassendere Bedeutung erlangen. In einer Kirche werden die religiösen Dimensionen eines Kunstwerkes klarer sichtbar als in der Ausstellungshalle.
Andererseits ist auch die Kirche offener geworden und akzeptiert heute spannende, ungewohnte, freche Formen, wie sie vor Jahrzehnten undenkbar gewesen wären.

Ist damit die Kirche für Kunstschaffende ein relevanter Partner geworden?
Ich denke schon. Diese Öffnung macht die Kirche auch für viele nichtkirchliche Künstler interessant, da sie merken, dass sie in Kirchen arbeiten können, auch ohne Mitglied zu sein oder eine Sprache zu sprechen, welche den kirchlichen Auftraggebern genehm sein muss. Es ist sehr vieles möglich geworden, das sich vom Label „Kirchenkunst“ weit entfernt hat.

Hat die Kirche heute denn noch Kultur prägende Kraft?
Meiner Ansicht nach nimmt die Kirche ihre kulturelle Aufgabe zu wenig wahr. Sie müsste mit ihren Anliegen und Dienstleistungen offensiver in die Öffentlichkeit treten und Stellung beziehen zu gesamtgesellschaftlichen Themen – Themen, die auch Gegenstand der Kunst sind.
Damit verbunden könnte ein kunstpoetischer Auftrag an die Kirche sein: für die Kunst einen Ort zu bieten, wo diese die gesellschaftlichen Probleme spiegeln kann.

Wo stellen sich allenfalls Probleme in der Zusammenarbeit von Künstler und Kirche?
Auf Seiten der Kirche mangelt es häufig an Geld. Für die Kunstschaffenden entstehen Probleme dort, wo die Kirche nicht als professioneller Partner auftritt und Rahmenbedingungen bieten kann, wie sie heute Museen und Galerien zur Verfügung stellen.

Was wünschen Sie sich von der zeitgenössischen Kunst?
Dass sie mich und die Gesellschaft weiterhin herausfordert.

… und von der Kirche?
Dass sie sich als starken Dialogpartner der Kunst versteht, der weiss, was er der Gesellschaft und damit auch den Künstlern zu sagen hat, der aber auch die Sicht und die Deutung der Welt durch die Künstler dankbar entgegennehmen kann.

GESPRÄCH: PIA STADLER

www.lukasgesellschaft.ch

Artikelaktionen

Johannes Stückelberger, Jahrgang 1958, Privatdozent, lehrt Neuere Kunstgeschichte an den Universitäten Basel und Freiburg/Schweiz. Beratungstätigkeit im Bereich Kunst und Kirche. Präsident der Schweizerischen St. Lukasgesellschaft für Kunst und Kirche.