Maria von Magdala
Und das meint der Decoder dazu: Nicht alles, was Dan Brown über Maria von Magdala sagt, ist von vornherein Unsinn. Maria von Magdala ist im Laufe der Kirchengeschichte tatsächlich furchtbares Unrecht geschehen. Schon früh nämlich wurde ihre Gestalt mit der von drei anderen biblischen Frauen verschmolzen: die namenlose „stadtbekannte Sünderin“, die nach dem Lukasevangelium (Kap. 7 Vers 36–50) im Hause Simons, des Pharisäers, die Füsse von Jesus mit Öl salbt; dann die namenlose Frau, die nach dem Mar-kusevangelium (14,3–9) in Betanien im Hause Simons, des Aussätzigen, den Kopf von Jesus salbt; und schliesslich Maria von Betanien, die Schwester der Marta und des Lazarus, die nach dem Johannesevangelium (12,1–11) in ihrem gemeinsamen Haus die Füsse von Jesus salbt und mit ihrem Haar trocknet.
Maria von Magdala kommt zwar in keiner einzigen dieser Salbungsgeschichten vor. Und doch genügte die Namensgleichheit mit Maria von Betanien zusammen mit dem Hinweis, dass Jesus aus Maria von Magdala sieben Dämonen ausgetrieben habe (Lukas 8,2), sie zur „stadtbekannten Dirne“ und „Sünderin“ abzustempeln.
Papst Gregor der Grosse verordnete schliess-lich 591 in seinen Magdalenenpredigten, dass Maria von Magdala, Maria von Betanien und die salbende Sünderin aus Lukas 7 ein und dieselbe Person seien. Und es dauerte bis 1978, bis die römisch-katholische Kirche das in ihrem Brevier wieder rückgängig gemacht hat.
Tatsächlich wird Maria Magdalena in sämtlichen Evangelien – mit nur einer einzigen Ausnahme – als erste unter den Frauen genannt, die Jesus von Nazaret vom Anfang in Galiläa bis hin unter das Kreuz nachgefolgt sind. Wie Petrus bei den männlichen Jüngern nimmt sie die erste Stelle bei den Frauen ein. Sie war bei seiner Grablegung dabei und konnte bezeugen, wohin man Jesus gelegt hat. So konnte sie auch durch ihren Besuch beim Grab die erste Zeugin der Auferstehungsbotschaft werden, die sie dann als „Apostolin der Apostel“ den Jüngern verkündet.
Dan Brown belegt seine Behauptung, dass Maria von Magdala in der frühen Kirche eine wesentlich wichtigere Rolle als später gespielt habe, mit Hinweisen auf apokryphe Evangelien wie das Philippusevangelium und das Mariaevangelium. Diese zeigen tatsächlich eine frühchristliche Tradition, nach der Frauen zumindest in Teilen der Kirche eine bedeutende Rolle gespielt haben. Alle diese Evangelien sind aber lange nach den neutestamentlichen Evangelien entstanden und entstammen gnostischen Kreisen. Die Gnosis muss man sich als eine Art „Gegenkirche“ zur römischen Kirche vorstellen, die sich bekanntlich auf den Apostel Petrus berief. Für die Gnostiker aber war es Maria von Magdala gewesen, der Jesus alle Geheimnisse anvertraut und den Auftrag gegeben hatte, sein Werk weiterzuführen.
Heute weiss man, dass diese gnostischen Evangelien bewusst gegen die vier „katholischen“ Evangelien verfasst wurden und absichtlich die Leitungsstrukturen Roms angreifen wollten. Das war einer der Gründe, warum die römische Kirche die Gnosis zur Ketzerei erklärte und ihre Schriften vernichten liess. Erst seit dem letzten Jahrhundert liegen dank archäologischen Funden Originaldokumente der Gnostiker vor.
DIETER BAUER,
BIBELPASTORALE ARBEITSSTELLE