Liebe Leserin, Lieber Leser
Von Machbarkeitsstudien hatten sie nie etwas gehört. Kein Konzept in ihrer Tasche. Nicht einmal eine Meinungsumfrage in der Hinterhand. Und McKinsey wäre ihnen schon gar nicht ins Haus gekommen. Sie hatten lediglich eine fixe Idee: Für das Wohl der Armen musste etwas getan werden, denn Jesus Christus wollte das so – hatte dafür aber nachlässigerweise keinen Masterplan hinterlassen.
Das Datum, an dem sieben derart leichtfertige Männer ihre Mission starteten, ist genau bekannt: Es war der 15. August 1534. Entstanden ist danach ein weltumspannendes Werk, so erfolgreich, dass es um Feinde und Kritiker nie verlegen war: die „Gesellschaft Jesu“, die Jesuiten.
Nicht einmal den Papst haben Ignatius von Loyola, Franz Xaver und Peter Faber um Rat, um Protektion oder gar um Subvention gebeten.
Wie gesagt: Die Planung des Unternehmens war stümperhaft. Und das Motto „Gebt uns einen Haufen Geld, dann tun wir einen Haufen Gutes“ kannten sie offenbar auch nicht. Sie haben schlicht und unverfroren damit begonnen, Gutes zu tun. – Viele kirchliche Aufbrüche nahmen so ihren Anfang, nicht alle waren derart nachhaltig, viele haben ihre Blütezeit hinter sich, manche gingen sogar in die Irre.
Unsere Zeit hat sich Freiheit auf die Fahnen geschrieben, ist selbstverwirklicht und -bestimmt, Outdoor- und Survival-erprobt, liberal bis zum Gehtnichtmehr, sexuell befreit, visionär, innovativ und modern … Wenn das nicht nach Abenteuerlust klingt, nach unzähligen Menschen in Aufbruchsstimmung, wagemutig in eine ungewisse Zukunft, beseelt von einer Idee, einer Überzeugung und von scheinbar nie erlahmendem Durchhaltewillen. Leider klingt es nur grossartig – sichtbar wird wenig. Ein Nachhilfekurs bei Ordensgründerinnen und -gründern in Sachen „Anti-Bünzlitum“ wäre offenbar angesagt.
THOMAS BINOTTO