Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 17, 2006 Ein Datum mit Folgen
Zum Jubiläumsjahr der Jesuiten

Ein Datum mit Folgen

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Am 15. August 1534 gelobten sieben Studenten in einer Kapelle auf dem Montmartre in Paris, sich gemeinsam in Armut für das Wohl des Nächsten einzusetzen, darin Christus nachzufolgen und eine Wallfahrt nach Jerusalem zu unternehmen.

Diese Männer kamen aus verschiedenen Nationen und Verhältnissen. Anführer der Gruppe war der Baske Ignatius von Loyola; der Landsmann Franz Xaver und der Savoyarde Peter Faber waren seine Zimmergenossen. Die vier Übrigen stiessen wenig später zur Gruppe. Nichts an dem Gelübde deutet auf die Gründung eines Ordens hin. Da sie sich aber auf eine Lebensgemeinschaft verpflichteten, wurde hier dennoch erstmals die Keimzelle der „Gesellschaft Jesu“ manifest.
Der Jesuitenorden trägt heute ein klares Bild. Als Markenzeichen gelten seine gute Organisation sowie der intellektuelle Anspruch seiner Mitglieder. Dies äussert sich von der Bewunderung für den weltumspannenden Zusammenhalt und die geistige Offenheit bis zur Kritik an einem angeblich starren Gefüge, das keiner menschlichen Kreativität Raum lasse, und an einer gemütsarmen Kopflastigkeit.
Gewiss, die Gefährten waren alle Universitätsabsolventen – für damalige Kleriker keineswegs selbstverständlich. Und wenn Ignatius in seinen letzten Lebensjahren einen bald tausend Mitglieder zählenden, über die ganze Welt verstreuten Orden leiten konnte, muss er über ein beachtliches Organisationstalent verfügt haben. Aber von welchen Grundsätzen liess er sein Leben leiten? Was macht das Herzstück der Gesellschaft Jesu aus?

DEN SEELEN HELFEN
Ignatius bereitete in seiner Jugend eine Laufbahn als Höfling vor, lernte das Kriegshandwerk und den vornehmen Umgang. Von einem solchen Ideal löste er sich während der Genesung von einer Kriegsverletzung und setzte sich das Ziel, mittellos nach Jerusalem zu pilgern. Nach einem mystischen Erlebnis wuchs in ihm der Wunsch, „den Seelen zu helfen“, wozu er ein Instrument entwickelte, das unter dem Namen „Ignatianische Exerzitien“ die christliche Spiritualität nachhaltig bestimmen sollte.
Zudem drückte er einige Jahre die Schulbank, was ihn von Barcelona über Alcalá und Salamanca bis nach Paris führte. Dies tat er nur, um sein Ziel, den Seelen zu helfen, besser realisieren zu können. Gleichzeitig suchte er Gefährten mit denselben Anliegen. Enttäuschungen blieben ihm nicht erspart. Sicher hat die Vorsehung mitgewirkt, aber auch um die treuen Freunde musste sich Ignatius lange und intensiv bemühen. Nie hätte er gedacht, dass ihn sein Weg nach Rom führen würde, wo er über 19 Jahre gegen manche Widerstände einen neuen Orden aufbaute, der 1540 vom Papst bestätigt wurde. Dabei kam ihm auch das zugute, womit er einstmals brechen wollte: seine Erfahrung mit dem höfischen Lebensstil, verbunden mit Führungsqualitäten und administrativem Geschick.

DREI PERSÖNLICHKEITEN
Die Jugend zu unterrichten und zu einem christlichen Erwachsenenleben zu führen, war Ignatius ein zentrales Anliegen. 1548 wurde der Orden gebeten, in Messina ein Gymnasium zur breiten Bildung der Bevölkerung zu übernehmen. Bald trafen zahlreiche solche Gesuche bei Ignatius ein – die Weichen zum Schulorden mit hohem Bildungsniveau waren damit gestellt. Nicht in den kühnsten Träumen wäre Ignatius in Paris eine solche Entwicklung in den Sinn gekommen. Aber es war ein Gebot der Stunde, auf das er sich bei reiflicher Überlegung einliess.
Franz Xaver legte in jungen Jahren auf seine edle Abstammung grossen Wert und strebte eine akademische Laufbahn und eine Domherrenpfründe an. Dem Werben von Ignatius widersetzte er sich lange und stellte sich später in Rom darauf ein, dessen Sekretär zu werden. Als ein zum Indien-Missionar bestimmter Mitbruder erkrankte, sprang Franz Xaver kurzentschlossen ein. Er sollte Ignatius nie wieder sehen. Im Glauben, dass fremde Völker nur mit der Taufe das ewige Heil erlangen können, blieb Franz Xaver ein Kind seiner Zeit. Doch durch das Bemühen, den fremden Völkern das Christentum in ihrer eigenen Sprache zu verkünden und einen einheimischen Klerus auszubilden, wurde er zum bedeutendsten Missionar der Neuzeit.
Peter Faber hielt bald nach seiner Ankunft in Rom Vorlesungen in Theologie. Da man in ihm einen kompetenten Gesprächspartner mit Protestanten sah, reiste er zu Religionsgesprächen nach Deutschland. An theologischen Streitereien fand er aber keine Freude. Seine Kräfte widmete er vielmehr der Reform des Klerus und der Wiederbelebung der Glaubenspraxis – und nicht der Ausrottung neuer Wege. Zahlreichen Menschen gab er Exerzitien und führte dabei Suchende auf ihren je eigenen Lebensweg – und tat damit den ersten Schritt zur katholischen Reform in Deutschland.
Schon diese drei knappen Porträts zeigen: Die ersten Jesuiten liessen sich weder von einem langfristigen Planen noch von geistig hochstehenden Reflexionen, sondern von konkreten Anforderungen und dem Wohl der Menschen leiten. Ihre Organisation und die konkreten Einsatzorte entwickelten sich langsam. Aber ein roter Faden lässt sich bei Ignatius bereits auf dem Krankenbett erkennen: In völliger Offenheit hat er sich auf einen langen, ungewissen Weg begeben und sich damit auf den unvorhersehbaren Plan Gottes eingelassen. Ihm hat er mit seinen ersten Gefährten während eines ganzen Lebens die Treue bewahrt.

PAUL OBERHOLZER

Weitere Informationen unter
www.jesuiten.org
www.jesuiten.ch


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DOPPELMORAL
■    Das Klischee: Jesuiten sind schlau, verschlagen, listig, doppel-züngig und falsch. Für Jesuiten sind sogar unmoralische Mittel wie etwa eine Lüge erlaubt, wenn sie nur zu einem guten Zweck eingesetzt werden. Zudem kennen die Jesuiten die Lehre vom „geheimen oder geistigen Vorbehalt“, mit dem sich faktisch jede Lüge rechtfertigen lässt.
Die Enthüllung: Schweizer Jesuiten haben seit dem frühen 19. Jahrhundert eine Prämie von 1000 Gulden für jenen ausgesetzt, der die ominöse Regel, der Zweck heilige die Mittel, einem Jesuiten nachweisen kann. Dieser Preis wurde bis auf den heutigen Tag nicht ausbezahlt und wird auch in Zukunft nicht zu gewinnen sein, da ein solches Prinzip den Bankrott jeder Moral bedeuten würde. Lediglich ein moralisch neutrales Mittel kann durch einen guten Zweck geheiligt werden. So kann beispielsweise ein gewöhnlicher Spaziergang ein gutes Werk werden, wenn er der Begleitung eines kranken Menschen dient. Was den geistigen Vorbehalt betrifft, so ist lediglich die schützende Verhüllung einer Wahrheit aus Liebe oder Vorsicht zulässig – die bewusste Irreführung im Sinne einer Lüge bleibt verwerflich.

MACHT UND ELITE
■    Das Klischee: Jesuiten haben an ihren Eliteschulen die Adeligen und Herrscher in ihrem Sinne erzogen und damit Einfluss auf die politische Macht gewonnen. Jesuiten bilden an ihren Schulen künftige gesellschaftliche und politische Eliten heran, die mit allen Techniken der Macht vertraut gemacht werden: in jesuitischer Schlauheit, rhetorisch perfekt geschult und mit allen Wassern der Demagogie gewaschen.
Die Enthüllung: Die jesuitische Pädagogik hat von Anfang an den jungen Menschen in seiner ganzheitlichen und damit auch sozialen Dimension wahrgenommen. Das „Aussergewöhnliche“, auf das jesuitische Erziehung zielt, entspricht dem ignatianischen „magis“, dem „Mehr“ in der Nachfolge Christi, das ein Mehr der Ausrichtung des eigenen Lebens auf Gott hin bedeutet und ein Mehr des Engagements in der Welt. Das Ziel sind nicht abgesonderte Eliten, sondern Menschen, die ein Mehr an Verantwortung übernehmen.

INTOLERANZ
■    Das Klischee: Eines der zentralen Ziele bei der Gründung des Ordens ist es gewesen, den Katholizismus gegen die Reformation zu verteidigen. Die Jesuiten zeigten unerbittliche Härte und religiöse Unduldsamkeit in der Auseinandersetzung mit „Ketzern“ und Protestanten. Bis heute sind sie eine Belastung für ökumenische Bestrebungen.
Die Enthüllung: Der Orden wurde nachweislich nicht zum Zweck der Gegenreformation gegründet, auch wenn Jesuiten in der Folge aufgrund der besonderen Konstellationen in Deutschland eine wesentliche Rolle bei der Erneuerung der katholischen Kirche gespielt haben. Sie verfolgten jedoch gerade nie eine Strategie der Konfrontation. So empfiehlt Ignatius den Dialog als das angemessene Mittel der Auseinandersetzung. Seit den Anfängen des Ordens haben sich Jesuiten für Toleranz und Menschenrechte eingesetzt: Von der Verpflichtung, Inquisitoren zu stellen, war der Orden durch ein päpstliches Privileg ausdrücklich befreit. In den spanischen Provinzen war den Ordensangehörigen eine Mitwirkung bei der Inquisition sogar unter Androhung der Exkommunikation untersagt. Der Jesuit Friedrich von Spee hat 1631 seine „Cautio Criminalis“ verfasst, die erste bedeutende Warnschrift gegen die Hexenprozesse. Auf katholischer Seite gehörten Jesuiten zu den Pionieren der ökumenischen Bewegung im 20. Jahrhundert.

KADAVERGEHORSAM
■    Das Klischee: Die absolutistische und totalitäre Machtstruktur des Ordens zeigt sich in der völligen Unterordnung, die von jedem Jesuiten erwartet wird: im „blinden Gehorsam“ oder sogar im „Kadavergehorsam“. Ignatius schrieb nämlich in seinen Konstitutionen: „Wir sollen uns dessen bewusst sein, dass ein jeder von denen, die im Gehorsam leben, sich von der göttlichen Vorsehung mittels des Oberen führen und leiten lassen soll, als sei er ein toter Körper, der sich wohin auch immer bringen und auf welche Weise auch immer behandeln lässt.“
Die Enthüllung: Ignatius hat dieses Bild aus der monastischen Tradition von Franziskus übernommen. Für jeden, der Franz von Assisi kennt, ist klar, dass dieses drastische Bild zwar das völlig mystische Einssein mit dem göttlichen Willen meint, aber niemals die Absicht hat, die Menschen zu willenlosen, manipulierbaren Objekten zu degradieren.
 
QUELLE: WWW.JESUITEN.ORG
BEARBEITUNG: JH/BIT

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Foto: ZVG
Vor 500 Jahren wurden Franz Xaver (links) und Peter Faber (rechts) geboren – vor 450 Jahren starb der 1491 geborene Ignatius von Loyola (Mitte). Diese Gedenktage sind für die Jesuiten Anlass, 2006 als grosses Jubiläumsjahr zu gestalten. FOTO: ZVG