Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Zeit, dass sich was dreht

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Wer jetzt nicht lebt, wird nichts erleben, bei wem jetzt nichts geht, bei dem geht was verkehrt. Wer sich jetzt nicht regt, wird ewig warten, es gibt keine Wahl und kein zweites Mal …
Wie oft haben Sie das schon gesagt oder gedacht oder geahnt? – Vielleicht nicht ganz wörtlich. Vielleicht haben Sie auch gedacht: Wenn ich diese Gelegenheit jetzt nicht beim Schopf packe, dann verliere ich etwas auf lange Sicht. Oder: Wenn ich jetzt nicht den ersten Schritt mache, dann komme ich nie ans Ziel. Oder: Jetzt oder nie! Oder: So eine Chance kommt so schnell nicht wieder.
Viel ist geschrieben worden im Umfeld der Fussballweltmeisterschaft über Gemeinsamkeiten von Fussball und menschlichem Leben: Banales und Nachdenkenswertes. Der WM-Song von Herbert Grönemeyer bringt genau dieses Verbindende so simpel wie zutreffend auf den Punkt: Zeit, dass sich was dreht. Ein Lied nicht nur für die, die den Beginn der WM nicht mehr abwarten konnten, sondern ein Lied über den Wert der Gegenwart, über den Zauber des Augenblicks, über die Chance des einzelnen Moments. Also über etwas, was gern unterschätzt wird im Austauschbarkeitswahn postmoderner Zeiten: Es gibt Momente, Gelegenheiten, Chancen im Leben, die kommen tatsächlich nur einmal. Die kann man nur erwischen oder verpassen, nutzen oder verschenken. Ein zweites Mal gibt es nicht, allenfalls einen abgefahrenen Zug.
Zeit, dass sich was dreht – das ist ein Satz für überall. Denn wo sich nichts mehr dreht, da ist Stillstand. Und Stillstand, so heisst es in einem anderen Lied von Grönemeyer, Stillstand ist der Tod. Und der ist ungesund.
Zeit, dass sich was dreht – das ist ein Satz für alltags. Immer dann, wenn ich den Trott, den alltäglichen, durchbreche. Immer dann, wenn ich es schaffe, das Leben nicht nur durch meine eigene Brille zu sehen, sondern auch mal durch die Brille des anderen. Immer dann, wenn ich mein übliches, eingefahrenes Denken, Reden und Handeln gegen den Strich bürste. Immer dann dreht sich was.
Zeit, dass sich was dreht – das ist ein Satz für feiertags. Denn es ist ja nicht so einfach, den Dreh zu finden. Aber wenn es doch gelingt, wenn etwas im Leben sich zu drehen beginnt, dann hat sich der Alltag zum Feiertag gedreht.
Zeit, dass sich was dreht – das ist ein Satz für unsere Welt: damit oben und unten sich drehen, Reich und Arm, Norden und Süden, Ausländer und Inländer, Mann und Frau. Wie viele Gleichnisse der Bibel, wie viele Sätze des Jesus von Nazareth – allen voran die Bergpredigt – konkretisieren diesen Gedanken: Zeit, dass sich was dreht! Wenn die Armen selig gepriesen werden und nicht die, die alles haben. Wenn die Trauernden selig gepriesen werden und nicht die Strahlemänner und -frauen. Wenn die Ein-Stunden-Arbeiter im Weinberg den gleichen Lohn erhalten wie die Acht-Stunden-Arbeiter. Wenn etwas davon Gestalt annimmt in unserer Welt, dann hat sich was gedreht.
Zeit, dass sich was dreht – das ist auch ein Satz für die Kirche. Natürlich denke ich da auch zuerst an die „üblichen Verdächtigen“ wie Frauenämter, Zölibat und Sexualmoral. Aber sich darauf zu fixieren, das wäre wohl eine trostlose Drehzahlbeschränkung. Denn das Schöne an dem Satz ist: Wir werden ihm am wenigsten gerecht, wenn wir ihn nur immer den anderen unter die Nase reiben. Zeit, dass sich was dreht – das ist ein Satz für jeden und jede von uns. Und da könnten wir in der Kirche, in unseren Pfarreien eine ganze Menge zum Drehen und somit in Bewegung bringen: unsere schönen Gewohnheiten, unsere Unbeweglichkeiten und Feindbilder, unser Nicht-über-den-eigenen-Kirchturm-Hinausschauen, unsere Halbherzigkeit und Sattheit, unseren Mangel an gesellschaftspolitischem Engagement, unsere fehlende Solidarität mit denen, die ganz an den Rand des Lebens gedrängt werden. „Rückkehr der Religion“ ist ein Begriff, der zurzeit wirklich in aller Munde ist. Und meist heisst es dann, dass ein grosses spirituelles Bedürfnis in unserer Gesellschaft vorhanden sei. Das ist sicher so, und das ist gut so. Aber was meint „Spiritualität“ in der Regel? Wenn Spiritualität zur reinen Innerlichkeit verkommt, wenn sie nichts anderes bedeutet als Seelen-Wellness innerhalb eines Lebens, das sonst alles hat, dann wird sie nichts bewegen. Spiritualität ist immer so gut, wie sie etwas in Bewegung und zum Drehen bringt. Also: Zeit, dass sich was dreht – auch in unserem Glauben, auch in unserer Kirche, auch in dem, was uns trägt und hält im Leben.
Die Fussballweltmeisterschaft ist vorbei. Der WM-Ball wird sich erst wieder in vier Jahren drehen. Wie viele einmalige Augenblicke werden wir in unserem Leben bis dahin haben? Wie viele unauswechselbare Chancen? Wie viele unaustauschbare Momente? Und wo wird sich was drehen in Ihrem Leben und in meinem?
„Du fühlst, du glaubst, du fliegst …“ Wann breiten wir die Flügel aus?

INGO BÄCKER

ZEIT, DASS SICH WAS DREHT

Wer jetzt nicht lebt,
wird nichts erleben.
Beim wem jetzt nichts geht,
bei dem geht was verkehrt.
Die Zahl ist gefallen,
die Seiten vergeben.
Du fühlst, du träumst,
du fühlst, du glaubst, du fliegst,
du fliegst.

Die Sekunden sind gezählt,
Hoffnungen übergross.

Es wird Zeit, dass sich was dreht,
was dreht, was dreht ...

Leg die Welt an den Punkt,
der Tod ist ungesund.

Es wird Zeit, dass sich was dreht,
was dreht, was dreht ...

Wer sich jetzt nicht regt, wird ewig warten.
Es gibt keine Wahl und kein zweites Mal.
Die Zeit bereit, nicht zu vertagen.
Du fühlst, du träumst,
du fühlst, du glaubst, du fliegst,
du fliegst.

Es wird Zeit, dass sich was dreht,
was dreht, was dreht ...

HERBERT GRÖNEMEYER

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Foto: Christoph Wider
„Wer sich jetzt nicht regt, wird ewig warten. FOTO: CHRISTOPH WIDER