Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 16, 2006 Wohnhaus Gottes unter den Menschen
Der Tempel von Jerusalem

Wohnhaus Gottes unter den Menschen

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Der jüdische Tempel, einziges Heiligtum für den einen Gott, ist schon lange zerstört. Nur eine Stützmauer ist geblieben. Dennoch bleibt er unsichtbar präsent. Der Bereich des einstigen Tempels ist für viele noch immer ein heiliger Ort.

Im Sommer des Jahres 70 zerstörte der römische Feldherr Titus mit seinen  Truppen die Stadt Jerusalem und steckte den prachtvollen Tempel in Brand. Die Ruinen dienten anschliessend als Steinbruch. Übrig blieb die Westmauer, oft auch „Klagemauer“ genannt, Teil einer Stützmauer der Tempelplattform. Die gewaltigen Steinblöcke im unteren Teil des Mauerwerks stammen aus der Zeit des Herodes. Für Schalom Ben Chorin ist diese Mauer „vermutlich das einzige authentische Heiligtum der Juden in Jerusalem, ja auf der ganzen Welt“.
Vor diesem religiösen und nationalen Symbol Israels wird nicht nur geklagt, sondern auch gedankt, gesungen und getanzt. „Die Mauer ist aber auch der Briefkasten zum Herrn der Welt. Unzählige Zettelchen werden in ihren Ritzen geborgen, Briefe an Gott, die Bitte und Dank enthalten.“

HARAM ASCH-SCHARIF
Der riesige Tempelplatz, der in der Antike etwa einen Sechstel des ganzen Stadtgebietes ausmachte, heisst seit der muslimischen Eroberung Jerusalems 638 Haram asch-Scharif (arabisch: das edle Heiligtum) und ist die drittheiligste Stätte der Muslime nach Mekka und Medina. In seinem südlichen Teil steht die al-Akscha-Moschee, die zu Beginn des
8. Jahrhunderts erbaut wurde. Vermutlich an der Stelle, wo einst das Gebäude des jüdischen Tempels stand, erhebt sich seit 691 der Felsendom, eines der prachtvollsten Bauwerke des Islam. Der achteckige Bau, unten mit Marmor, oben mit persischen Fayencen verkleidet und von einer 20 Meter hohen goldenen Kuppel gekrönt, ist heute ein weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt. Felsendom heisst der Bau, weil mitten unter der Kuppel ein zirka 18 Meter langer und 13 Meter breiter Fels ein bis zwei Meter aus dem Boden herausragt. Nach islamischer Überlieferung hat der Prophet Mohammed von diesem Felsen aus seine Himmelsreise angetreten.
Nach biblischer Tradition gipfelt hier der Berg Morija, auf dem Abraham nach Genesis 22 bereit war, seinen Sohn Isaak zu opfern. An dieser Stelle sollte Salomon den Ersten Tempel bauen. Den Bereich, wo heute der Felsendom steht, wählte König David als heiligen Ort für den ortlosen Gott. Bis zu Davids Zeiten war der Gott Israels nach biblischer Überlieferung gewandert: „Seit dem Tag, als ich die Israeliten aus Ägypten herausgeführt habe, habe ich bis heute nie in einem Haus gewohnt, sondern bin ich in einer Zeltwohnung herumgezogen.“ Als Funktion dieses beweglichen Heiligtums, in dem sich die Bundeslade befand und das man Stiftshütte oder Zelt der Begegnung nannte, wird betont: „Ich werde mitten unter den Israeliten wohnen und ihnen Gott sein.“ David liess die Lade schliesslich nach Jerusalem überführen und in einem Zelt innerhalb der Stadt unterbringen. Gegen die Pläne eines Tempelbaus regte sich theologischer Widerstand: Der ortlose Gott lasse sich nicht auf einen einzelnen Aufenthaltsort festlegen.

SALOMOS TEMPEL
Der Sohn und Nachfolger Davids begann schliesslich 967 mit dem Bau des Tempels: „Salomo begann das Haus des Herrn auf dem Berg Morija zu bauen, wo der Herr seinem Vater David erschienen war, an der Stätte, die David bestimmt hatte, auf der Tenne des Jebusiters Arauna.“ Die drei Ortsangaben dieses Verses präzisieren weniger den geografischen, als vielmehr den theologischen Ort des Tempels. Alle drei enthalten nämlich das Motiv der „Erscheinung Gottes“ und eine Altarbaunotiz. So brachte zum Beispiel Abraham auf Morija statt seines Sohnes einen Widder als Brandopfer dar. Geheimnisvoll nannte er „jenen Ort Jahwe-Jire (Der Herr sieht), wie man noch heute sagt: Auf dem Berg lässt sich der Herr sehen“. Der Tempel sollte also ein Ort der Gottesbegegnung und des Kultes werden. Sieben Jahre wurde gebaut. Die zum Frondienst gezwungenen Israeliten und ausländische Facharbeiter verwendeten unter anderem Zedernholz vom Libanon, Stein, Kupfer, Gold und Edelsteine. Das Tempelgebäude war insgesamt etwa 52 Meter lang, 27 Meter breit und 15 Meter hoch. Der Tempel umfasste Vorhalle (Ulam), Haupthalle (Hechal) und Allerheiligstes (Debir). Alle Wände und Türen waren mit Schnitzereien von Cherubim, Palmen und Blumen verziert. Der Glanz der Ausstattung sollte als Abglanz der Herrlichkeit des Herrn wirken. Dem Heiligtum waren zwei Vorhöfe vorgelagert. Im inneren Hof befanden sich der Brandopferaltar, das eherne Meer, zehn fahrbare Wasserbecken und vor der Vorhalle die zwei Bronzesäulen Jachin und Boas. In der Haupthalle standen der Rauchopferaltar, zehn goldene Leuchter mit je sieben Lichtern und die Schaubrottische. Im Allerheiligsten befand sich nicht etwa ein Bild Gottes wie in anderen antiken Religionen, sondern die Bundeslade mit den „zwei steinernen Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte“. Diese stand unter den Flügeln von zwei grossen, vergoldeten Cherubim aus Olivenholz, sozusagen himmlischen Thronwärtern.
Die Mitte bildet die Lade mit den Statuten des Bundes zwischen Gott und seinem Volk. Der nicht darstellbare Gott ist anwesend in seiner Weisung. Wer Gott im Tempel ehrlich verehrt, wird auch seine Weisung befolgen. Der Kult ist an ein gerechtes Verhalten gebunden. Propheten schärften gar ein, dass letztlich Barmherzigkeit wichtiger sei als jedes Brandopfer.
587 wurde dieser Tempel samt der Bundeslade von den Truppen des Nebukadnezzar zerstört. Der nach dem Ende des babylonischen Exils 519 bis 515 neu erbaute Zweite Tempel besass nicht mehr die Pracht seines Vorgängers. In den Kämpfen der Makkabäerzeit wurde er 168 durch den Seleukidenkönig Antiochus IV. Epiphanes geplündert und entweiht. Judas Makkabäus liess ihn 165 wieder herstellen, befestigen und neu weihen. Bei der Eroberung Jerusalems durch die Römer unter Pompejus im Jahr 63 wurde der Tempel stark beschädigt.

DER TEMPEL DES HERODES
Im Jahr 19 v. Chr. begann Herodes der Grosse mit der Renovierung und Erweiterung des Tempelbezirks in aufwändigem Stil. Er liess die ursprüngliche Plattform nach drei Seiten erweitern und schuf so eine der grössten Sakralanlagen der römischen Welt. Die Vorhöfe wurden vergrössert und für die nichtjüdischen Besucher des Tempels entstand ein eigener Hof. Die verschiedenen Vorhöfe waren Bereiche abgestufter Heiligkeit, die gleichsam konzentrisch das Heiligtum umgaben. Das Allerheiligste war nun nach dem Verlust der Bundeslade ein kubusförmiger, leerer, dunkler Raum, der nur einmal im Jahr vom Hohepriester am Versöhnungstag betreten werden durfte. Eine dem Profanen enthobene heilige Leere für den Gott, der an keinem Ort und in keinem Raum festgehalten werden kann, der alle Orte der Welt umschliesst und über sie hinausgeht.
Täglich wurden am Tempel offizielle Opfergottesdienste gefeiert. Zahlreich waren auch die Privatopfer, die aus verschiedenen Anlässen dargebracht wurden, als Schuldopfer für begangene Sünden, als Gelübdeopfer vor Antritt einer gefahrvollen Reise, als Dankopfer für die Geburt eines Kindes oder die Rettung aus einer Not. Prozessionen fanden statt, es wurde gebetet und gesungen. Zahlreiche Priester und Leviten sorgten dafür, dass der Kult in rechter Weise vollzogen wurde. Besonders feierlich waren die Rituale an den drei Wallfahrtsfesten, die jährlich unzählige Pilger anzogen: Pessach, Schawuot und Sukkot.
Vermutlich ist Jesus mehrmals zu einem der grossen Wallfahrtsfeste nach Jerusalem gewandert. Öfters suchte er den Tempel auf, um dort zu lehren. Lehr- und Streitgespräche fanden in den gedeckten Säulenhallen, zum Beispiel der „Halle Salomos“, am Rande des Tempelbezirks statt. Besonderen Wert legte er auf das Gebet. Dies machte er mit der provozierenden, prophetischen Zeichenhandlung deutlich, die wir „Tempelreinigung“ nennen. Er griff wörtlich auf die prophetische Kritik zurück, wenn er den priesterlichen Kreisen seiner Zeit vorwarf, sie hätten aus dem Gebetshaus eine Räuberhöhle gemacht.
Der Tempel von Jerusalem ist zerstört. Die jüdische Tradition kennt auch die Überzeugung, dass das wichtigste Heiligtum Gottes der Mensch sei. Der amerikanische Rabbiner Soloveitchick (1903–1993) drückte es so aus: „Gott hat zwei Wohnorte im Inneren des Menschen. Der eine ist das Heiligtum der Tugenden und Gefühlsregungen: Güte, Barmherzigkeit, Gottesfurcht, Freude, Kummer, Verwunderung usw. Der andere ist das Heiligtum der Vernunft. Wenn der Mensch nachsinnt oder die Tora studiert, wenn er seinen Verstand schärft und ihn heiligt, wird er zur Residenz Gottes.“

WALTER ACHERMANN

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Foto: Walter Achermann
Heiliger Ort der Juden an der Westmauer, heiliger Ort der Muslime am Felsendom. FOTO: WALTER ACHERMANN