SOS Narrenschiff
Wenn es einen Liberalismus-Award für Gross-konzerne gäbe, dann müsste die Wahl früher oder später unweigerlich auf die römisch-katholische Kirche fallen. Wo sonst ist es möglich, dass von einem neuen Bischof ernsthaft erwartet wird, er blase als Erstes zum Sturm gegen jene Behörde, die eben seine Wahl bestätigen musste? Bischöfe, Theologinnen und Theologen und das gesamte kirchliche Personal geniessen offenbar erstaunlich viel Gedanken-, Rede- und Handlungsfreiheit bei einem Global Player, der als Inbegriff für rigorosen Zentralismus gilt.
Jede Grossfirma unterhält eine Abteilung, die über die Corporate Identity wacht. Sie tut das nicht mit nonchalanter Grosszügigkeit: Wer für einen Brief die falsche Schrift verwendet, wird abgemahnt, noch bevor die erste kritische Äusserung gefallen ist.
Selbst unsere Qualitätszeitungen, die sich als liberal und unabhängig preisen, werden kleinlaut, wenn es dem eigenen Herausgeber, dem Chefredaktor oder einem potenten Inserenten ans Leder gehen soll. Im Vergleich zum Hierarchiegefälle im Mediengeschäft sei die katholische Kirche ein „Hort des Liberalismus“, wurde mir von einem doppelten Insider – Theologe und Journalist – zugeflüstert.
Die katholische Kirche trägt deshalb nicht zufällig den Zusatz „römisch“. In ihr ist längst nicht alles so straff organisiert, wie uns das einfühlsame Aufklärer weismachen wollen. Römisch steht für wildes Gestikulieren, sich grossspurig in Szene setzen, für Schaumschlagen und für Bürokratiepomp – für grosse Töne mit beschränkter Wirkung. Die Einzigen, die dieses Imponiergehabe ernst nehmen, sind die Musterknaben aus deutschsprachigen Landen, die für jedes Mutpröbchen um Belobigung betteln.
Für den Rest der Welt und erst recht für Rom scheint Corporate Identity etwas zu sein, wozu man sich inbrünstig bekennen muss, woran man sich aber nicht zu halten braucht. Deshalb stellen sich greise Kardinäle ungeniert vor laufende Kameras und verkünden irgendwelchen Unsinn über Empfängnisverhütung. Vor Kameras, die selbst- redend aus der Schweiz und aus Deutschland stammen. Denn nur dort erbebt man ob solch patriarchalischen Gesten in ehrfürchtigem Zorn. Ein eingefleischter römischer Katholik dagegen wendet den klassischen Dreischritt an: Begeisterter Jubel – heimliches Grinsen – selbständige Entscheidung.
Eintrag ins Logbuch: Nichts macht den Zentralismus so mächtig wie jene Streber, die von ihm alles Heil erwarten.
THOMAS BINOTTO