Liebe Leserin, Lieber Leser
Auf dem Tempelberg in Jerusalem erhebt sich prächtig eine goldene Kuppel. Aber unter der Postkartenidylle verbirgt sich ein Drama, das seit Jahrtausenden die Welt erschüttert. Ausgerechnet an Jerusalem entzündet sich stets aufs Neue der erbitterte Streit zwischen drei Weltreligionen. Ausgerechnet die Heilige Stadt ist zum tristen Mahnmal dafür geworden, dass unter Menschen offenbar keine Versöhnung möglich ist.
Gerade jetzt wurde in der heillosen Tradition dieses Konflikts wieder ein Krieg angezettelt. Daran will keiner Schuld haben, alle pochen auf ihr Recht, niemand wagt das Risiko des Nach-gebens. Der Mut dazu und die Last der Verantwortung übersteigen tatsächlich jedes menschliche Mass.
Wir sind uns gewohnt, für jedes Problem eine Lösung zu finden. In Jerusalem und dem Nahen Osten bleibt von diesem Glauben nichts übrig. Hier scheint nicht einmal ein Hauch von Hoffnung zu wehen. Man könnte aus Verzweiflung apokalyptisch werden, sich eine Sintflut wünschen oder wie Jonas vor den Toren der Stadt hocken und darauf warten, dass Gott endlich ein Machtwort spricht.
Aber Gott hat offenbar nicht vor, sich von der Menschheit den schwarzen Peter zuschieben zu lassen, und ich bin froh darüber. Das grosse Reinemachen dreht lediglich die Gewaltspirale ins Gigantische und kostet immer viel zu viele Unschuldige das Leben.
Versöhnung ist möglich, wenn man Leiden auf sich nimmt, anstatt Leiden zu verbreiten, wenn man verzeiht, anstatt zu vergelten, wenn man schwach anstatt stark ist. Das sind skandalöse Forderungen, auf die kein vernünftiger Mensch eingehen mag. Ein gläubiger Christ erinnert sich, dass Jesus Christus genau diese Unvernunft vorgelebt und gefordert hat: Alles verlieren, um alles zu gewinnen. Aber wer von uns hat diesen Mut, wenn es hart auf hart kommt? Ich jedenfalls weiss nur zu genau, weshalb ich an Wunder glauben muss …
THOMAS BINOTTO