Der mit der langen Leitung
Kleopas war einer der beiden „Emmaus-Jünger“. Der Name des anderen ist nicht überliefert. Ihre Geschichte wird nur im Lukas-Evangelium erzählt. Der Verfasser hat es erst etwa fünfzig Jahre nach den berichteten Ereignissen aufgeschrieben. Das ist so, als würde ich etwas berichten über Geschehnisse von 1956, und dies, ohne auf Archive zurückgreifen zu können. Kein Wu nder, ist da der Name des anderen vergessen gegangen.
Es war am Ostermorgen: Kleopas und der andere Jünger waren unterwegs von Jerusalem nach Emmaus, einem elf Kilometer entfernten Dorf. Heute streiten sich drei Orte westlich von Jerusalem, das damalige Emmaus zu sein. Am Morgen früh hatten die Jüngerinnen die aufregende Nachricht überbracht, das Grab sei leer und Engel hätten gesagt, Jesus lebe. Danach waren die beiden aufgebrochen. Man weiss nicht, weshalb sie nach Emmaus gingen. Zuhause waren sie dort sicher nicht, denn alle Jünger stammten aus Galiläa, das weiter im Norden liegt. Sie hatten aber offenbar Freunde oder Verwandte in Emmaus. Das geht daraus hervor, dass sie abends mit grosser Selbstverständlichkeit in ein Haus hineingingen.
Als sie später dem Unbekannten begegneten, blieben sie „traurig“ stehen. Dieses kleine Adverb „traurig“ lässt schliessen, dass sie resigniert aus Jerusalem weggegangen waren und Zweifel an der Botschaft der Frauen hegten. Vielleicht wollten sie in ihr ursprüngliches Umfeld zurückkehren, vielleicht hatten sie in Emmaus gute Freunde, von denen sie sich Rat und Orientierung erhofften.
Auf dem Weg kam der auferstandene Jesus zu ihnen und ging mit ihnen. Sie waren aber wie mit Blindheit geschlagen und erkannten ihn nicht. Das zeigt, dass die Auferstehung nicht einfach eine Rückkehr ins irdische Leben war, sondern eine neue Exis-tenzweise. Er fragte sie: „Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet?“ Und Kleopas antwortete: „Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als Einziger nicht weisst, was in diesen Tagen dort geschehen ist?“
Darauf hielt ihnen der immer noch unerkannte Auferstandene eine Art Predigt: „Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?“ Diese Worte lösten zwar in Kleopas und seinem Kameraden ein Brennen des Herzens und neue Hoffnung aus, doch noch immer verstanden sie nicht, wer da zu ihnen sprach. Mittlerweile hatten sie Emmaus erreicht. Weil es Abend wurde, luden sie den Fremden ein, mit ihnen zu übernachten. Simple Gastfreundschaft war es also, die schliesslich doch noch zur grossen Erkenntnis führte: Als sie bei Tisch waren, nahm der Fremde das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen, wie drei Tage zuvor beim Letzten Abendmahl. Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn.
Kleopas steht dafür, wie schwer es ist, an die Auferstehung zu glauben und ein Wunder zu erkennen, selbst wenn es vor einem steht. Er lief weg und war vielleicht religiös nicht besonders begabt. Aber er war ein hilfsbereiter Mensch – das genügte. Jesus ergriff nämlich die Initiative, indem er ihm die Schrift erklärte und das Brot darreichte. So begriff Kleopas die Wahrheit, die sein Leben veränderte und ihm ein Vertrauen gab, das nicht mehr zu erschüttern war. Nachdem die Botschaft endlich angekommen war, richtete er sein Leben ganz danach aus. Gemäss einer – allerdings sehr unsicher überlieferten – Tradition wurde er nach Jakobus der zweite Bischof von Jerusalem und starb schliesslich als Märtyrer.
GISELA TSCHUDIN,
GEMEINDELEITERIN ST. MARTIN