Fragen darf man ja
Die grosse Aufregung, die bei der Lancierung der Verfilmung von Dan Browns Bestseller „Sakrileg“ ausgebrochen ist, sie hat sich in der Alltagsroutine verflüchtigt oder wurde von der WM-Euphorie überrollt. „The Da Vinci Code“ steht zwar immer noch an der Spitze der Kinocharts, das Traumresultat des Trickfilms „Ice Age 2“ wird er aber kaum erreichen. Dass er zum Klassiker avanciert, ist nicht zu erwarten. Damit könnte man wieder zur Tagesordnung übergehen und beruhigt feststellen, dass die katholische Kirche auch diesen „Angriff“ überleben wird.
Aber da sind immer noch die zahllosen Fragen, die Dan Brown in seinem Thriller aufwirft, und seine vermeintlich klaren Antworten, die er darauf gibt und die – wenigstens vorübergehend – zum Allgemeingut geworden sind. Mit dem „Sakrileg“ wird argumentiert, als wäre es ein Sachbuch oder gar ein Lexikon. Die Kritik Dan Browns an Geheimniskrämerei, Geschichtsmanipulation und Machthunger innerhalb der Kirche nimmt man dankbar entgegen – und frisst gleichzeitig dem Kritiker bedenkenlos aus der Hand, so wie es scheinbar früher die frommen Schafe bei ihren Oberhirten getan haben.
Aber genauso kritisch, wie man den offiziellen kirchlichen Stellungnahmen begegnet, darf man auch Dan Browns Thesen hinterfragen. Im Sog des Thrillers wird das allerdings kaum zugelassen. Brown ist ein äusserst autoritärer Erzähler, richtig gehend päpstlicher als der Papst. Seine Antworten sind nicht Theorien, Vermutungen, Ausschmückungen oder gar Fantasie, sondern absolutes Wissen, harte Fakten, so wie es uns Dan Brown bereits im Vorwort weismachen will.
Man kann das „Sakrileg“ als Bestseller zu den Akten legen und ohne grosses Risiko darauf spekulieren, dass dieses Buch in ein paar Jahren vergessen sein wird, weil es von anderen sensationellen Bestsellern überlagert wurde. Damit allerdings vergäbe man eine Chance, die sich nicht gerade häufig bietet. Wann hat sich ein breites Publikum letztmals für die Gnosis oder das Konzil von Nicäa interessiert? Wie oft wird die Frage, ob Jesus verheiratet war, unter Pendlern im Zug verhandelt? Und wer lässt sich in normalen Zeiten durch Da Vincis „Letztes Abendmahl“ von wichtigem Promitratsch abhalten?
In einer neuen Serie widmet sich das forum deshalb den Fragen, die dank Dan Brown zu einem Gesprächsthema geworden sind. Das Ziel ist weder eine Abrechnung mit dem „Sakrileg“ noch mit seinem Autor. Die hier erscheinenden Beiträge setzen auch nicht voraus, dass man den Roman gelesen oder den Film gesehen hat. Wir nehmen uns lediglich heraus, was auch Dan Brown beansprucht: Wir schlucken nicht jede Antwort bereitwillig und stellen kritische Fragen. In diesem Sinne wünschen wir in den nächsten Monaten unterhaltsame Aha-Erlebnisse dank dem „Sakrileg-Decoder“.
THOMAS BINOTTO