Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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China rückt ins Blickfeld

Christentum als Alternative

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China ist Trend: Das einstige „Reich der Mitte“ und die kommunis-tische Hochburg wird zum wirtschaftlichen Machtzentrum und zur touristischen Traumdestination. Wie steht es um China als Lebensraum für Christen? Vorerst werden noch kaum Zugeständnisse gemacht.

Das „Reich der Mitte“ ist alles andere als ein einheitliches Land. Tatsache ist, dass in China eine grosse Vielfalt von Völkern und Religionen zusammenlebt. Immer mehr zeigt sich auch der soziale Unterschied zwischen Stadt und Land, den entwickelten Provinzen an der Ostküste und den armen Provinzen im Westen. Diese besonderen politischen und soziologischen Umstände müssen deshalb mitberücksichtigt werden, wenn von Religion und Kirche in China gesprochen wird.
Was früher selbstverständlich war, wie beispielsweise Schulbildung und Krankenversorgung, wird heutzutage eine Angelegenheit derer, die Geld haben. Arbeitslosigkeit, Migration und Unzufriedenheit auf dem Land bedrohen den sozialen Frieden und damit auch eine harmonische Stabilität des Landes. So kommt es, dass seit der Konferenz des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas im Februar 2005 die Themen Harmonie und Stabilität allgegenwärtig sind. Genau diesem Anliegen wird auch die offizielle Religionspolitik untergeordnet und daher erscheint Religionsfreiheit gegenwärtig unerwünscht, ja unmöglich. Das of-fizielle China empfindet internationale Forderungen nach Religions- und Gewissensfreiheit wie auch den anderen allgemeinen Menschenrechten als Einmischung von aussen. Man spricht offiziell von „Verwestlichungs- und Desintegrationstendenzen“, die sich unter dem Mantel der Religion versteckten.

TOTGESCHWIEGEN
Nach der Machtübernahme Maos im Jahr 1949 wurden die Christen auf dem chinesischen Festland verfolgt und schikaniert, ohne dass die internationale Staatengemeinschaft gross Anteil genommen oder gar protestiert hätte.
1958 hatte sich die von China offiziell anerkannte „patriotische“ Kirche von Rom losgesagt. Die weiterhin romtreuen Katholiken konnten ihren Glauben nur noch im Untergrund praktizieren. Bereits damals und insbesondere während der „Kulturrevolution“ (1966–1976) war es streng verboten, den Namen des Papstes öffentlich zu erwähnen. Als Johannes Paul II. 1978 sein Pontifikat begann, wurde sein Name in den Medien totgeschwiegen. Als man dann auf Umwegen erfahren hatte, dass der neue Papst aus einem kommunistischen Land komme, war man sich in der Untergrundkirche sicher, dass dieser Papst die Chinesen und die chinesischen Katholiken verstehen werde. Schliesslich wusste er aus eigener Erfahrung, was es bedeutete, als Christ in einem totalitären System zu leben. Als man um 1980 die alten, noch vorhandenen lateinischen Messbücher wieder verwenden durfte, muss-te man das von der Liturgie vorgesehene Gebet für den Papst zukleben.
Noch im Frühjahr 2005 hatte die chinesische Regierung per Dekret verordnet, dass über den bevorstehenden Tod von Papst Johannes Paul II. und die Wahl seines Nachfolgers Benedikt XVI. in chinesischen Medien nur in knappen Worten berichtet werden dürfe. Trotzdem fanden die Katholiken in China Wege, sich über Internet und Satellitenfernsehen zu informieren. Schlussendlich haben diese Ereignisse dann doch das Verhältnis des chinesischen Staates zur katholischen Kirche verändert. So hat der kommunistische chinesische Staat durch Genesungswünsche, Kondolenzen und Gratu- lationen erstmals seit 1949 offiziell einen direkten Kontakt mit dem Vatikan aufgenommen.
Allerdings wurde im Frühjahr 2006 durch zwei Ereignisse nochmals deutlich, dass noch viele weitere Schritte in der diplomatischen Annäherung zwischen China und dem Vatikan anstehen. So hat die Ernennung von Bischof Zen, einem regimekritischen Kirchenmann aus Hongkong, zum Kardinal, die Regierung der Volksrepublik verstimmt. Der Vatikan hingegen hat offiziell das Missfallen über die beiden zwei Bischofsweihen der „patriotischen Kirche“ ohne Zustimmung Roms ausgedrückt.
Trotz derartigen Auseinandersetzungen lässt sich das Verhältnis der „regimehörigen“ offiziellen katholischen Kirche und der „romtreuen“ inoffiziellen „Untergrundkirche“ nicht mit oberflächlicher Schwarzweissmalerei beschreiben. Einerseits ist die offizielle Kirche nach vielen Zeugnissen viel weniger „patriotisch“, als es die Kommunis-ten gerne hätten, und andererseits lebt die Untergrundkirche gar nicht so versteckt, wie man im Westen meint.

SUCHE NACH WERTEN
Trotz aller Behinderungen gibt es noch immer bis zu 30 Millionen Christen in der Volksrepublik China und auch die katholische Kirche erlebt gegenwärtig eine eigentliche Blüte. Einerseits gibt es eine alte Generation, welche für die Kirche gelitten und viele Märtyrer hervorgebracht hat. Die Jahre der Verfolgungen zwischen 1949 und 1979, als die Regierung ihre Politik veränderte, war ein von Entbehrungen gekennzeichneter Weg. Gegenwärtig versucht die Kirche vorsichtig die vom Staat vorgegebenen Grenzen auszuloten, um dann mutig den verbleibenden Spielraum auszunutzen.
Andererseits finden aber auch viele junge Menschen zum Glauben, weil sie nach Sinn in ihrem Leben suchen. Durch die marktwirtschaftliche Öffnung und Ausrichtung ist ein eigentliches moralisches Vakuum entstanden. Und es wird immer offensichtlicher, dass der neu entdeckte Kapitalismus nicht in der Lage ist, die chinesische Gesellschaft sozial und moralisch zusammenzuhalten. Vermutlich waren die Menschen in China dem christlichen Glauben gegenüber noch nie so offen und positiv eingestellt wie heute. Für diese neuen Christen ist jedoch eine gründliche und seriöse Einführung wichtig. Und somit hat die Ausbildung von Katecheten eine hohe Priorität.

VON LAIEN GEPRÄGT
Die Gemeinden werden nach wie vor von Laien getragen, die bereits in den Jahren der Verfolgung die Gemeinden geleitet haben und bis heute leiten. Gerade auf dem Land wird in Gemeinden nur einmal im Monat eine Eucharistie gefeiert, weil Priester für bis zu 70 Dörfer zuständig sind.
Auffallend ist zudem die Bedeutung von einheimischen Ordensschwestern für die Kirche. Es gibt wieder mehr als viertausend von ihnen und etwa eintausend Novizinnen. Sie engagieren sich vor allem im urchristlichen Dienst an den Ärmsten der Armen. Damit setzen sie ein unübersehbares Zeichen inmitten einer mehr und mehr dem Materialismus verfallenden chinesischen Gesellschaft.
Die Mehrheit der Schwestern ist noch jung, viele davon in Ausbildung. Ihr Studium ist mehrheitlich auf soziale und erzieherische Berufe ausgerichtet wie zum Beispiel Pastoralpsychologie, Behindertenpädagogik, Sprachen, Psychologie, Musik und Kunst. Mit diesen Fachkenntnissen wollen sich diese jungen Frauen dem aufbrechenden China zur Verfügung stellen.
Tatsächlich ist ihr sozialer Einsatz im Bereich von Behinderten und Alten von Nöten. Wegen der nach wie vor geltenden Einkindpolitik der chinesischen Regierung werden behinderte Kinder oft ausgesetzt, damit die Eltern noch einmal eine Chance für ein gesundes und sozusagen „erstes“ Kind haben. Schwesterngemeinschaften führen Behindertenheime für derart verstossene Kinder.
Die Einkindpolitik hat zudem grosse Auswirkungen auf die Versorgung der alten Menschen. Ein junges Ehepaar aus zwei Einkindfamilien hat vier alte Menschen zu versorgen. Das kann zu viel sein. So gibt es immer mehr alte Menschen, um die sich niemand kümmert. Schwesterngemeinschaften antworten auf diese neue Not und eröffnen Heime für allein stehende Menschen.
Genau hier zeigt sich die Chance der christlichen Kirchen. Auch wenn der katholischen Kirche nur etwa 0,6 Prozent von 1,3 Milliarden Menschen angehören, bietet sie in ihrem sozialen Engagement eine Alternative an, die verstanden wird. Nicht nur von den Intellektuellen, die nach neuen tragfähigen Werten suchen und dabei das Christentum entdecken, sondern gerade auch von den einfachen Menschen.
Neben lokalen Frauengemeinschaften haben auch internationale Ordensgemeinschaften wie die Benediktiner, Salesianer, Steyler und die Jesuiten im 20. Jahrhundert an Universitäten in China gewirkt – und dies nicht zum Schaden der chinesischen Gesellschaft, weder „verwestlichend“ noch „desintegrierend“.
Die kommunistische Führung scheint in ihrem Bestreben nach Harmonie und Stabilität einzusehen, dass es den Katholiken nicht um einen Streit von Kulturen oder Ideologien geht, sondern – aus einer christlichen Grundhaltung heraus – um die echte Sorge für die Menschen. In diesem Sinne hat der Vatikan in seiner Protestnote nach den Bischofsweihen vom Frühjahr 2006 gleichzeitig klar und deutlich seine Bereitschaft zu einem ehrlichen und konstruktiven Dialog signalisiert.

TONI KURMANN,
MISSIONSPROKURATOR DER JESUITENMISSION IN ZÜRICH

Als Quelle wurde unter anderem ein Bericht von Roman Malek SVD verwendet. Dieser ist in der Zeitschrift „KM Forum Weltkirche“ (Ausgabe September/Oktober 2005) erschienen.

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CHINA AUF EINEN BLICK

Fläche Chinas: 9 596 000 km2
Bevölkerung: 1 306 315 000
Religionen: Nach offiziellen Angaben etwa 100 Mio. Anhänger von Religionen. Genaue Angaben liegen nicht vor. Anerkannte Religionen sind Buddhismus, Daoismus, Islam, Protestantismus und Katholizismus (offizielle „Patriotische Kirche“).
Protestanten: 18 Mio., Katholiken: 14 Mio.
Priester: ca. 1750 in der offiziellen Kirche, ca. 1000 in der Untergrundkirche.
Ordensschwestern: ca. 3500 in der offiziellen Kirche, ca. 1700 in der Untergrundkirche.


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