SOS Narrenschiff
Sind die Löhne von Ospel, Vasella und anderen Topverdienern fair? Nie im Leben! Sage ich und gebe mich damit als Neidgenosse zu erkennen. Die Strategie der Reichen ist nämlich simpel, aber Erfolg versprechend: Man hänge dem Kritiker das Etikett „Neidhammel“ an und schiebe ihm damit elegant den Rechtfertigungspeter zu.
Darauf gibt es nur eine wirksame Gegenstrategie: die Offensive. Natürlich bin ich neidisch! Natürlich möchte ich für den Rest meines Lebens alle finanziellen Sorgen los haben. Natürlich lechze ich in meinen Träumen nach Luxus ohne Ende.
Die Argumentation der Reichen verrät, dass sie den Neid allzu sehr auf die leichte Schulter nehmen. Neid ist ein machtvolles und in letzter Konsequenz zerstörerisches Gefühl. Es macht jeden Frieden kaputt. Vor allem aber hat auch der Neid seine Gründe. Nur weil ich neidisch auf Ospels Gehalt bin, heisst das noch lange nicht, dass er zu Recht so viel verdient.
Bei einer Verkehrsübertretung erwischt zu werden und daraufhin den Polizisten Voyeur und Denunziant zu schimpfen, ist ja auch eine reichlich gewagte Umpolung des Sachverhalts.
Aber genau wie der Polizist muss ich mit dem Schimpf der Ertappten leben. Bin ein Neider und setze den Moralisten oben drauf: Es gibt Löhne, die sind mit keiner Leistung zu begründen und spotten jeder Gerechtigkeit. Wer Höchstleistungen nur für Geld unternimmt, ist korrupt. Es gibt einen Reichtum, der bleibt unchristlich, selbst wenn ein paar Brosamen für die Vögel unter dem Himmel abfallen. Und wo einer zetermordio „Neider“ ruft, ist ein schlechtes Gewissen nicht weit.
So bleib ich eben Neider und auf meinen vier Geld verschlingenden Kindern sitzen, an der Seite einer Hausfrau, die marktwirtschaftlich keine Performance bringt, an ein Grossunternehmen geklammert, das zwar ewige Sicherheit, aber mittelmässige Aufstiegschancen bietet, verbringe meine Ferien vorm Balkon und falle regelmässig ins Januarloch.
Eintrag ins Logbuch: Kaum jemand entwickelt ein derart feines Gespür für Ungerechtigkeit wie der Neid. Als Heilmittel ist er ungeeignet – aber als Indikator oft messerscharf.
THOMAS BINOTTO