Hier bin ich
„Samuel, Samuel!“ Mit diesem Ruf Gottes begann vor etwa 3000 Jahren die Karriere eines der grössten Propheten und Politiker des Alten Testaments. Der junge Samuel, der damals Schüler des Priesters Eli im Tempel des Herrn war, wurde quasi über Nacht zu einer Schlüsselfigur in der Geschichte Israels. Zwei biblische Bücher sind nach ihm benannt und dennoch scheint sein Name hinter denen von Abraham, Mose, Saul und David zu verblassen. Gerade das aber ist typisch für diesen Mann, dessen Berufung nicht die spektakulären Taten waren, sondern das achtsame Hören auf das Wort Gottes.
Schon der Anfang seiner Geschichte war leise und unscheinbar. Alleine und still vor sich hin betete seine verzweifelte Mutter Hanna im Tempel um die Gnade, von Gott nach Jahren des vergeblichen Wartens doch noch ein Kind geschenkt zu bekommen. Der Priester Eli, der sie dabei beobachtet hatte, hielt sie für betrunken und schickte sie nach Hause. Doch ihre Bitte wurde erhört und in ihrer grossen Dankbarkeit weihte sie den kleinen Samuel Gott und gab den Knaben in die Obhut Elis.
Dann kam die Nacht, in der Gott seinen Diener rief. Dreimal wurde Samuel geweckt und dreimal eilte er zu seinem Lehrer Eli. Doch dieser hatte ihn nicht gerufen. Erst beim dritten Mal begriff Eli, was hier geschah, und er wies seinen Schüler an, was er sagen solle, wenn der Ruf wieder ertönen würde. „Rede, Herr, denn dein Diener hört!“, antwortete Samuel schliesslich, als er zum vierten Mal beim Namen gerufen wurde. Und diese Worte wurden zum Programm seines Lebens. Denn Gott machte ihn zu seinem Propheten und kündigte ihm an, dass in Israel Dinge geschehen werden, „so dass jedem, der davon hört, beide Ohren gellen“.
Samuel wurde in der Folge zum letzten Richter Israels und leitete sein Volk in einer Zeit, die geprägt war durch ständige Angriffe der Philister und den Einfluss fremder Götterkulte. Als er alt wurde, setzte er seine eigenen Söhne als Richter ein, wobei es ihm nicht besser erging als seinem Lehrer Eli. Auch seine Söhne taugten nichts. Und so trat das Volk schliesslich an ihn heran und forderte auch für Israel einen König, wie ihn die anderen Völker hatten. Obwohl Samuel darüber nicht glücklich war, folgte er auch hier dem Wort Gottes. Zuerst ernannte er Saul zum ersten König über die Stämme Israels. Und als sich dieser Gott gegenüber als ungehorsam erwies, salbte Samuel den jungen David als dessen Nachfolger. Beide Könige begleitete er mit seiner prophetischen Kritik und ermahnte sie immer wieder zur Einhaltung der gottgewollten Ordnung.
Sein ganzes Leben lang blieb Samuel seiner Berufung treu und offenbarte seinem Volk die Botschaft Gottes. Dabei stellte er nie seine eigene Person ins Zentrum. Manch anderer hätte sich in seiner Position wohl selber zum König gemacht. Nicht so Samuel. Sein Leben war ein Leben des Hörens und des Dienens. Mit seinem radikalen „Hier bin ich“ angesichts des Rufes Gottes, das auch heute am Anfang unserer Weiheliturgie steht, ist Samuel ein bleibendes Vorbild für jeden wahren Gottesdienst.
BEAT ALTENBACH SJ,
HOCHSCHULSEELSORGER, AKI