Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 14, 2006 Geiz ist geil – oder doch Todsünde?
Fairer Handel

Geiz ist geil – oder doch Todsünde?

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Wer fairen Handel und naturgerechte Produktion will, muss Unbequemlichkeiten in Kauf nehmen: Teurer, weniger und kleiner heissen die uncoolen Stichwörter. Aber Gerechtigkeit war noch nie ein Schnäppchen.

Beim Discounter Aldi werden nicht nur Waren mit möglichst geringem Aufwand präsentiert – auch das Personal wird offenbar als reine Manövriermasse zur Gewinnmaximierung betrachtet: Verkäuferinnen und Verkäufer werden im Normalfall nur zu 50 Prozent angestellt. Arbeitszeiten werden nicht vertraglich geregelt, sondern erst zwei Wochen im Voraus bekannt gegeben. Dem Personal wird untersagt, einer Nebenbeschäftigung nachzugehen, um jederzeit abrufbereit zu bleiben. Die Absicht ist offensichtlich: Man will das Personal genauso flexibel umherschieben können wie die Waren.
Deshalb hat die Gewerkschaft Syna Ende Mai Alarm geschlagen: Aldi sei unter anderem deshalb so günstig, weil auf dem Buckel der Verkäuferinnen und Verkäufer gespart werde. Das Verbot von Nebenbeschäftigungen sei rechtswidrig. Mitarbeitende würden mit fadenscheinigen Begründungen entlassen.
Selbst im Billigland hat alles seinen Preis. Nur soll der offenbar nicht von den Kunden bezahlt werden. Will man als Konsument besonders preiswert einkaufen, nimmt man in Kauf, dass irgendwo auf der Welt schlecht bezahlten und behandelten Arbeitskräften die Zeche aufgezwungen wird. Lässt man sich trendige Markenprodukte etwas kosten, wird oft noch ausbeuterischer gewirtschaftet: Das originale Puma-Trikot der Fussballnati kostet im Laden 100 Franken – die Näherin in Rumänien erhält davon ungefähr 30 Rappen.
Es gibt keinen genialen Trick, wie wir mit reinem Gewissen einkaufen und gleichzeitig im Schnäppchenparadies schwelgen können. Wenn wir wollen, dass vermehrt menschenwürdig und naturgerecht produziert und gehandelt wird, dann müssen wir tiefer in die Brieftasche greifen – zuerst all jene, die es sich leisten können, mit dem Mercedes bei Aldi vorzufahren.
Gleichzeitig müssen wir wieder überschaubare Märkte fördern: den Handwerker am Ort, den Bauern aus der Region, das einheimische Gewerbe. In der nahen Umgebung weiss man auch ohne Zertifikate, wer ein sozialer Arbeitgeber ist, wer Lehrstellen anbietet, wer seine Angestellten nicht bloss als Kostenstelle betrachtet.
Und wir müssen uns darauf einstellen, dass wir nicht alles haben können: Jedes Gemüse hat seine Saison. Industrialisierte Landwirtschaft kann niemals biologisch sein. Unser tägliches Fleisch und artgerechte Tierhaltung gehen nicht zusammen. Man kommt auch mit der kurzen Hose vom letzten Jahr durch den Sommer. Reparieren ist lohnenswert, selbst wenn es als unwirtschaftlich gilt. Und Flugreisen sind immer eine ökologische Belastung, sogar wenn es an den Umweltkongress geht.
Geiz mag sich zunächst geil anfühlen. Auf lange Sicht ist und bleibt er ein schlimmes Laster. Das ist keine verbiesterte Absage an jede Lebensfreude. Im Gegenteil: Ohne Ehrfurcht vor der Schöpfung und den Geschöpfen wird jede Freude schal. Der Werbebotschaft lässt sich frei nach Nietzsche entgegenhalten: Die Geizigen müssten geiler aussehen, damit ihre angebliche Lebensfreude uns überzeugen könnte.

THOMAS BINOTTO

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