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Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 14, 2006 Den Preis bezahlt die Näherin
Kleider

Den Preis bezahlt die Näherin

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So manches teure Markenstück würde sich wohl nicht mehr gut verkaufen, wenn der Käufer und die Käuferin hinter die Kulissen der Bekleidungsindustrie schauen könnten.

Die Fussballweltmeisterschaft ist in vollem Gange. Das freut nicht nur die Fans, sondern auch die Sportbekleidungsindustrie, die in diesen Tagen besonders hohe Gewinne einstreicht. Weniger zu lachen haben Tausende von Fabrikarbeitenden, vor allem Frauen, die für einen Hungerlohn Sportkleider für die grossen Markenfirmen nähen. Von den hundert Franken, die im Laden für ein Originaltrikot der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft hingeblättert werden müssen, erhält eine Näherin in Rumänien gerade mal dreissig Rappen, schätzt die Erklärung von Bern (EvB). Trotz tiefer Produktionskosten sind viele Unternehmen nicht bereit, ihren Angestellten Mindestlöhne zu bezahlen. Laut EvB verdienen die Arbeiterinnen und Arbeiter der indonesischen Fabrik Panarub wöchentlich zirka 25 US-Dollar, während die Lebenshaltungskosten für eine Person bei 32 Dollar liegen. Der Lohn reicht also nicht einmal für die Angestellten selbst, geschweige denn für deren Familienangehörige. Skandalös ist das Beispiel auch deshalb, weil die genannte Fabrik die „adidas Predator Pulse“-Schuhe herstellt, die von Spitzenfussballern und Spitzenverdienern wie Beckham, Zidane und Kaka getragen werden. Gemäss einem Bericht von Oxfam-International zahlt adidas dem Spieler Zinedine Zidane jährlich 1,8 Millionen Dollar Werbegelder, mit David Beckham hat das Unternehmen gar einen Vertrag auf Lebenszeit über 161 Millionen Dollar abgeschlossen.
Doch nicht nur Sportbekleidung wird unter skandalösen Arbeitsbedingungen produziert, die gesamte Textilfabrikation krankt an diesem Phänomen. „Die Bekleidungsindustrie ist mobil und gnadenlos geworden“, klagt die EvB. „Nur die weltweit billigsten Produzenten erhalten Aufträge, und die Lieferfristen werden immer kürzer. Den Preis dafür bezahlen die Näherinnen. Sie werden zu Überstunden und Nachtarbeit gezwungen. Für einen Hungerlohn arbeiten sie bis zu 105 Stunden pro Woche. Bei Verletzungen oder Krankheit fehlt das Geld für den Arzt. Wer sich gegen die schlechte Behandlung wehrt, wird entlassen.“ Kommt hinzu, dass in vielen Textilfabriken nicht einmal Minimalstandards für Sicherheit und Gesundheit eingehalten werden und sich deshalb immer wieder tragische Unfälle infolge von Gebäudeeinstürzen oder Bränden ereignen.

SAUBERE KLEIDER
Um diesen Missständen entgegenzuwirken, wurde die Internationale „Clean Clothes Campaign“ (CCC), die Kampagne für saubere Kleider, ins Leben gerufen, die sich weltweit für gerecht produzierte Kleider einsetzt. Sie ist in elf europäischen Ländern aktiv und wurde in der Schweiz im Jahr 1999 von den Organisationen Brot für alle, EvB und Fastenopfer lanciert. Seither erinnern auch hiesige Konsumentinnen und Konsumenten die Markenfirmen und Grossverteiler mittels Brief- und Postkartenaktionen an ihre soziale und ökologische Verantwortung – mit Erfolg. Vor allem das Angebot an Kleidern aus Biobaumwolle hat sich in den letzten Jahren markant vergrössert. Den sozialen Fragen Gehör zu verschaffen, scheint indes schwieriger zu sein. Die CCC kämpft dafür, dass Textilfirmen einen Kodex von sozialen Mindestnormen nicht nur unterschreiben, sondern auch umsetzen und einer unabhängigen Kontrolle durch Gewerkschaften unterziehen. Zu diesem Zweck wurde der „Clean Clothes Modellkodex“ erarbeitet, der die Arbeitenden vor Ausbeutung schützen soll. Die wichtigsten Normen: keine Zwangsarbeit, keine Kinderarbeit, Organisationsfreiheit und das Recht auf Kollektivverhandlungen, existenzsichernde Löhne bei regulären Arbeitszeiten, sichere und menschenwürdige Arbeitsplätze und ein festes, vertraglich geregeltes Beschäftigungsverhältnis.
Einen wichtigen Erfolg erzielte die CCC vor vier Jahren, als die Wäschefirma „Triumph International“ auf die Protestschreiben von unzähligen Kundinnen reagierte und ihren Produktionsstandort Burma wegen Missachtung der Menschenrechte und Zwangsarbeit aufgab. Inzwischen dokumentiert die EvB auch bei einigen Schweizer Unternehmen ernsthafte Bemühungen in Sachen fairer Kleiderproduktion. Nebst den Pionieren Helvetas, WWF Panda und Switcher sind dies vor allem Migros, Coop und Calida. Einen weiteren Lichtblick bildet das neue Textillabel von Max Havelaar. Konsumentinnen und Konsumenten haben es in der Hand, ob sich was tut in der Modebranche. Und wer weiss, vielleicht profitieren von der nächsten Fussball-WM nicht nur diejenigen, welche die Markentrikots tragen, sondern auch jene, die sie herstellen.

JUDITH HARDEGGER

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DIE ETIKETTE DER KLEIDER

Das Heft „Prêt-à-Partager“, herausgegeben von EvB und der Stiftung für Konsumentenschutz, bietet einen Überblick über das soziale und ökologische Verhalten der Schweizer Modebranche und enthält Tipps zum Kleiderkauf.
Zu bestellen bei: EvB/SKS, PF, 3000 Bern 23, Tel. 044 277 70 00, info@evb.ch.