Löse dich – sei erlöst
„Sieh dich nicht um!“ Solche Verbote kennen wir aus zahllosen Märchen und Sagen. Orpheus kann seine geliebte Frau aus dem Totenreich zurückholen – wenn er nur nicht seinen Blick wendet. Die kleine Meerjungfrau darf nicht gefragt werden, woher sie kommt. Die Büchse der Pandora sollte niemals geöffnet werden. Je nachdrücklicher ein solches Verbot verhängt wird, desto gewisser ist eines: Es wird übertreten, und die Katastrophe wird geschehen.
Lot flieht mit seiner Familie aus der Stadt Sodom. Sie ist zusammen mit Gomorrha dem Untergang geweiht. Zwei Engel sind erschienen und haben einen grausamen Auftrag verkündet: „Wir wollen diesen Ort vernichten, denn schwer ist die Klage, die über die Leute zum Herrn gedrungen ist.“ Nur Lots Familie soll gerettet werden, weil sie gute Menschen sind und den Engeln mit Ehrfurcht begegnen. Von diesen werden sie eindringlich beschworen, nicht auf Sodom zurückzublicken. Lots Frau tut es dennoch und erstarrt sogleich zur Salzsäule.
Das Leben hat es nicht gut gemeint mit dieser Frau, die in der Bibel nicht einmal einen eigenen Namen erhält. In Sodom hat sie unter Menschen gelebt, die ihre fromme Familie verachtet haben. Als die beiden Engel in ihrem Haus zu Gast waren, hat der Pöbel das Haus belagert und die Herausgabe der beiden Männer gefordert, um sich an ihnen zu vergreifen. Ihr eigener Mann Lot hat daraufhin die eigenen, noch jungfräulichen Töchter als „Notlösung“ zur Massenvergewaltigung angeboten. Und jetzt ist sie auf der Flucht aus Sodom.
Weshalb blickt sie nach so viel Leid dennoch zurück? Darüber gibt die Bibel keine Auskunft. Vielleicht ist es ein Blick zurück im Zorn: aus Wut über all das, was sie in Sodom erlitten hat. Möglich, dass es ein Blick aus Neugier ist: Ob Gott seine Drohung wirklich wahr macht? Vielleicht gar ein Blick aus Rache: Nach all dem, was die Sodomiter ihr angetan haben, wird endlich Gerechtigkeit geübt. Oder ist es ganz einfach ein Blick aus Trauer: Weshalb ist Gott so radikal? Warum sind die Menschen nicht zur Einsicht gekommen? Und schliesslich ein Blick aus Wehmut: In Sodom gab es nicht nur schlimme Zeiten. Sie hat das Leben dort auch genossen. Es war nicht alles schlecht, was nun untergehen wird.
Welche Gefühle Lots Frau derart bewegten, dass sie sich umdrehte, ist letztlich gleichgültig und die Bibel spricht auch kein moralisches Urteil. Die Folge allerdings ist schrecklich: Lots Frau erstarrt zur Salzsäule.
Das erinnert an Mythen und Märchen – dennoch steckt darin eine Erfahrung, die wir Menschen immer wieder machen. Wenn wir mehr zurück- als nach vorne blicken. – Uns von der Vergangenheit nicht lösen können. – Verpassten Chancen ewig nachtrauern. – Erlittenes Unglück nie verwinden. – Wunden immer wieder aufreissen. Dann erstarren wir ebenfalls. Wir können nicht mehr weiter und bleiben in der Vergangenheit gefangen.
Es ist für mich kein Zufall, dass Lot und seine Töchter sich nicht umdrehen. Männer und Jugendliche gehen leichter vorwärts, die einen, weil sie offenbar ein animalischer Jagdinstinkt immer vorwärts treibt, die anderen, weil ihnen noch alle Möglichkeiten offen stehen. Lots Frau aber ist sich bewusst, wie viel sie in Sodom zurücklässt. Sie spürt, dass das Leben nicht nur aus „neuen Herausforderungen“ besteht. Sie ist nicht fähig, den Scherbenhaufen ungekittet hinter sich zu lassen. Sie ahnt, dass Hoffnung nicht aus dem Nichts entsteht.
In einem Märchen müsste die Salzsäule nicht das Ende bedeuten. Und so stelle ich mir vor, dass die beiden Engel irgendwann zurückkehren und Lots Frau neues Leben einhauchen: „Beweg dich, Frau. Die Vergangenheit wird dich nicht mehr umbringen. Geh vorwärts!“
THOMAS BINOTTO