Sagenhafte Frau
Nicht erst Dan Browns „Da Vinci Code“ macht Maria von Magdala, eine der wichtigs-ten Frauen des Neuen Testaments, zu einer schillernden Figur. Und nicht erst seit Franco Zeffirellis Fernsehklassiker „Jesus von Nazareth“ oder Martin Scorseses Streifen „Die letzte Versuchung Christi“ will man uns glauben machen, die Magdalenerin sei eine Hure und reuige Sünderin gewesen. Auch den Renaissancekünstlern, die sie gerne mit nacktem Busen und verführerisch wallendem Haar darstellen, kann diese Herabwürdigung nicht angelastet werden. Zwei missverstandene Passagen des Lukasevangeliums haben zu dieser Idee geführt: Zum einen heisst es von Maria Magdalena, dass Jesus sie von Krankheiten und dämonischer Besessenheit geheilt habe (Lukas 8,2), zum anderen wurde sie fälschlicherweise mit der namenlosen Sünderin, die Jesus die Füsse wäscht und salbt (Lukas 7,36–50), gleichgesetzt. Im 6. Jahrhundert zementierte Papst Gregor der Grosse in einer Fastenpredigt die verhängnisvolle Fehlinterpreta- tion und machte damit eine unabhängige biblische Frau zur reuigen Hure.
Maria, die nach ihrem Herkunftsort Magdala und nicht wie sonst üblich als „Frau oder Tochter des …“ bezeichnet wird, lebte vermutlich als allein stehende Frau und gab als solche eine ideale Projektionsfläche für (männliche) Phantasien ab, zumal sie auch einigermassen begütert gewesen sein muss (Lukas 8,3). Doch wer war sie wirklich?
In den Evangelien wird berichtet, dass sie als Jesu Weggefährtin bei der Kreuzigung dabei war und – bei den Synoptikern zusammen mit anderen Frauen, bei Johannes allein – als Erste die Auferstehung Christi verkündete. Aus diesem Grund erhielt sie von den Kirchenvätern keinen geringeren Titel als „Apostolin der Apostel“. Mehr erfahren wir aus apokryphen Schriften des frühen Chris-tentums, insbesondere aus dem „Evangelium nach Maria“. In dieser gnostischen Schrift, die vermutlich aus dem 2. Jahrhundert stammt, wird die Magdalenerin als eifrige Missionarin und wichtigste Gesprächspartnerin Jesu dargestellt. Aufgrund solcher Quellen hält es die amerikanische Theologieprofessorin Jane Schaberg für möglich, dass Maria von Magdala verschiedenen urchristlichen Gemeinden vorgestanden habe, genauso wie Petrus und Paulus. Dass im frühen Christentum Frauen Hausgemeinden leiteten, davon sind einige Bibelgelehrte schon lange überzeugt. Problematisch wurde es offenbar, als die Gottes-dienste aus den Hauskirchen, wo die Frauenführung akzeptiert war, in öffentliche Gebäude verlegt wurden. Im Zuge dieser Entwicklung scheinen die Frauen aus ihren Führungspositionen in den Hintergrund gedrängt worden zu sein. Ist es ein Zufall, dass die starke Jesus-Anhängerin und Verkünderin der Auferstehung just in dieser Zeit zur büssenden Exhure degradiert wird?
Wo es keine historischen Quellen gibt, blüht die Einbildungskraft. Zahlreiche Legenden ranken sich um die Frage, wie Maria Magdalenas Leben nach Ostern weiterging. Eine davon berichtet, wie sie zusammen mit Lazarus und Martha von Ungläubigen in einem steuerlosen Boot aufs Meer hinausgetrieben wurde und später in Marseille strandete. Danach soll sie als Büsserin in der Provence gelebt haben. Einer andern Sage zufolge zeugte sie mit Jesus aus dem Geschlecht Davids eine Tochter namens Sarah, mit der sie nach Südfrankreich floh. Sarah soll dort in die königliche Dynastie der Merowinger eingeheiratet haben – womit wir wieder beim „Da Vinci Code“ wären.
Legenden sind Legenden, Romane sind Romane. Spass haben darf man an beidem. Vor einer Vermischung der Genres aber sollte man sich hüten. Auch wenn Legenden noch so oft verfilmt werden, historischer werden sie dadurch nicht. Und was die Frau aus Magdala betrifft, sind sagenhafte Ausschmückungen ihrer Geschichte gar nicht nötig. Was die Bibel über sie berichtet, ist mehr als grossartig.
JUDITH HARDEGGER