Brandstiftung
Im jurassischen Dorf Courfaivre in der Nähe von Delémont wurde 1953/54 die im frühen 18. Jahrhundert erbaute Pfarrkirche renoviert und erweitert. Bei dieser Gelegenheit schuf Fernand Léger (1881–1955) die bunten Glasgemälde. Sein Engagement stand am Anfang einer erstaunlichen Renaissance der religiösen Kunst im Jura.
Die Fenster von Courfaivre sind ein Spätwerk des bedeutenden französischen Malers, der nach frühen Einflüssen von Cézanne, später von Picasso, Braque, Gris und Delaunay immer deutlicher seinen eigenwilligen und eigenständigen Stil entwickelte, der seine Werke unverkennbar macht. Er kombinierte Gegenständliches und Abstraktes und strebte eine wirkungsvolle Vereinfachung von Farben und Formen an.
Für seine Glasmalerei in Courfaivre, für die ihm insgesamt 100 Quadratmeter zur Verfügung standen, wählte er die Technik der Beton-Buntverglasung. Mit Vorliebe verwendete er die Grundfarben Blau, Rot und Gelb, dazu die Mischfarben Orange und Grün. Die klaren Farbflächen sind nicht deckungsgleich mit den schwarzen, eher gegenständlichen Zeichnungen, weder füllen sie den gezeichneten Gegenstand aus, noch sind sie von ihm eingeschlossen. So sind Farben und Formen gleichberechtigt, aber auch unabhängig voneinander. Zudem verwendet Léger reichlich farbloses Glas, so dass das volle Licht eindringen kann, was dem Kirchenraum eine helle Leichtigkeit verleiht, aber auch die Farben und Formen auf besondere Weise betont. In dem Seite 8 besprochenen Buch „Moderne Kirchenfester im Jura“ schreibt Maryse Cavaleri: „Dieses Zusammenspiel zwischen Zeichnung, Farbe und Durchsichtigkeit bewirkt die wesentliche Eigenart von Courfaivre.“
Die inhaltlichen Themen wurden dem Künstler vom Pfarrer vorgegeben. Zu beiden Seiten des Schiffes sind in zehn Medaillons Hauptaussagen des Glaubensbekenntnisses ins Bild gebracht, vorne rechts mit „Credo“ beginnend, vorne links mit „Amen“ endend. In den beiden Chorfenstern sind die Symbole der Eucharistie mit Bezug zur Speisung der Fünftausend und zur Hochzeit in Kana dargestellt.
Unser Bild zeigt das triptychonartige Pfingstfenster zum Bekenntnis: „Ich glaube an den Heiligen Geist, den Herrn und Lebendigmacher.“ Dafür greift Léger das biblische Symbol des Feuers auf. Links fallen goldgelbe Flammen vom Himmel und verdeutlichen die Brandstiftung von oben, rechts wird sichtbar, dass die Geistflammen ihr Ziel erreicht haben, indem das Feuer nun auch von unten brennt und seine Flammen in die Höhe züngeln. Das Kreisbild in der Mitte zeigt als Gabe des Geistes die Ausgiessung lebendigen Feuers, versinnbildlicht in zwölf Flammen: „Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen liess sich eine nieder“ (Apostelgeschichte 2,3). Ein buntes Spiel von Linien und Farben bringt die pfingstliche Bewegung und Erregung zum Ausdruck.
Das Medaillon verweist in seiner kreisrunden Form auf den Einbruch der göttlichen Dimension in unsere Welt, auf die im rahmenden Viereck verwiesen wird, welches das Irdische mit seinen Ecken und Kanten und den auseinander strebenden Windrichtungen repräsentiert. Rot glühen in den Ecken zwischen Kreis und Quadrat die vier ampelförmigen Punkte, welche in der Farbe des Blutes und der Liebe leidenschaftliche Begeisterung signalisieren.
Feuer ist in der Bibel Metapher für den Geist Gottes, für seine Kraft, aber auch für Gott selbst. Menschen begegnet Gott im Feuer. Aus dem Feuer vernehmen sie seine Stimme. Das Thomasevangelium überliefert ein verborgenes Jesuswort: „Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nah.“ Nach Lukas soll Jesus gesagt haben: „Ich bin gekommen, um auf der Erde ein Feuer zu entfachen, und ich wollte, es stünde schon in hellem Brand“ (Lk 12,49). „Brannte nicht unser Herz, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?“, fragen Jünger, nachdem sie dem Auferstandenen begegnet sind. Nach wie vor lebt die Gemeinschaft der Glaubenden vom inspirierenden Feuer Gottes.
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WALTER ACHERMANN