Selbstbestimmt leben
„Jetzt müssen wir umdenken! Eigentlich sind wir hier fehl am Platz, es müssten Behinderte auf unseren Stellen sein“, sagt Erich Jermann, Leiter der katholischen Behindertenseelsorge des Kantons Zürich. Während seines Weiterbildungsaufenthalts in New York und San Francisco vor zwei Jahren lernte er die „Independent Living“-Bewegung kennen und war tief beeindruckt. Äusserlich am auffallendsten sei die behindertengerechte Gestaltung aller öffentlichen Gebäude. „Auf den Strassen sind an allen Kreuzungen die Trottoirs abgesenkt, damit Menschen in Rollstühlen ungehindert passieren können. Weil dies ein landesweites Gesetz so vorschreibt, sind überall Rampen für Rollstühle, Behinderten-WCs, die Aufzüge sind in Blindenschrift angeschrieben, die Stockwerke werden akustisch angesagt“, erzählt Jermann. Schon vor Jahrzehnten habe man in den USA von der Idee Abschied genommen, Menschen mit Behinderungen in Heimen unterzubringen, dies ganz im Gegensatz zur Schweiz, die Jermann eine Hochburg der Heime nennt: „In unseren Heimen wird professionelle Arbeit geleistet, doch besser wäre es, das Geld direkt den Behinderten zu geben, die dann selbst bestimmen, was damit geschehen soll. Behinderte sollen entscheiden können, ob sie in ein Heim wollen oder lieber diejenigen persönlichen Assistenten anstellen, die sie für ein in unsere Gesellschaft integriertes Leben brauchen.“ In den USA habe sich eine an der Fa-milienstruktur orientierte Wohnform durchgesetzt.
Während in der Schweiz der Blickwinkel oft auf die Defizite gerichtet wird, also auf das, was behinderte Menschen nicht können, wird in der amerikanischen „Independent Living“-Bewegung der Akzent gerade umgekehrt auf die Fähigkeiten gesetzt. „So wurden Dinge möglich, die vorher undenkbar waren“, berichtet Jermann weiter. Als Beispiel nennt er die 280 „Independent Living Center“, welche Beratungsaufgaben wahrnehmen. Diese Zentren werden von Menschen mit Behinderungen geführt, denn sie sind aufgrund der eigenen Lebenserfahrungen näher an der Situation der Betroffenen.
Das amerikanische System zeigt für Erich Jermann, dass Menschen mit Behinderungen weit mehr Verantwortung wahrnehmen können, als es bis anhin in der Schweiz Praxis ist. Deshalb will die Zürcher Behindertenseelsorge in ihrer Arbeit neue Akzente setzen und sich auch verstärkt sozialpolitisch engagieren, um den Anliegen eines selbstbestimmten Lebens von Behinderten zum Durchbruch zu verhelfen. So hat sie in allen Pfarreien eine Person wählen lassen, welche für Behindertenfragen zuständig ist. Aufgabe dieser Personen wird es sein, wichtige Anliegen der Behindertenseelsorge in die Pfarreien zu tragen und so Integrationsprozesse zu fördern.
Ein weiteres Projekt ist die Schaffung eines Begegnungszentrums in Zürich. Dies soll ein Ort sein, der von den Menschen mit Behinderungen und ihren eigenen Organisationen aufgebaut und geführt wird und wo gemeinsame Interessen verfolgt werden.
Wird also die ganze Behindertenseelsorge umgekrempelt? Jermann winkt ab: „Das klassische Angebot unserer Stelle wird bleiben. Gleichzeitig gehen wir neue Wege und halten uns stets den Grundsatz vor Augen, dass nicht wir, sondern die Behinderten die Expertinnen und Experten in eigener Sache sind.“
JUDITH HARDEGGER
Die Behindertenseelsorge besucht mit direkt Betroffenen Pfarreien für Filmabende oder Gesprächsrunden. Information: Erich Jermann, Tel. 044 360 51 46.
www.behindertenseelsorge.ch