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Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 11, 2006 Plan oder Zufall – Bibel oder Darwin?
Intelligent Design

Plan oder Zufall – Bibel oder Darwin?

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Ziel der Intelligent-Design-Theoretiker ist es, die Evolutionstheorie mit der christlichen Schöpfungslehre in Einklang zu bringen. Das forum unterhielt sich mit Hans-Dieter Mutschler, der Ende Juni in der Paulus-Akademie eine Tagung zu diesem Thema leitet.

forum: Der Chef-Astronom des Vatikans, George Coyne, nennt die Theorie des Intelligent Design absurd und hält sie für religiösen Fundamentalismus. Teilen Sie seine Meinung?
Hans-Dieter Mutschler: Ja, dem würde ich zustimmen. Wenn man einen christlichen Glauben hat, dann glaubt man zwar, dass Gott mit der Welt etwas vorhat, dass es ein „Design“ in der Welt gibt. Aber man muss weder glauben, dass dieses Design uns jederzeit erkennbar ist, noch dass es sich auf der Ebene der materiellen Wirkungen unmittelbar ausdrückt und also quasi unter dem Mikroskop sichtbar würde. Die Intelligent-Design-Theoretiker bringen alles durcheinander: Sie schliessen das Schöpferwirken Gottes mit der naturwissenschaftlichen Weltdeutung kurz, und da bin ich sehr skeptisch.

Macht es überhaupt Sinn, mit naturwissenschaftlichen Fragen an die Bibel heranzugehen?
Gar nicht! Meiner Meinung nach gibt es keine Schnittmenge zwischen naturwissenschaftlichen und theologischen Aussagen, es sei denn über die Vermittlung der Philosophie.

Wie gehen denn Sie als Naturwissenschaftler und Theologe an die Bibel heran?
In der Bibel geht es zunächst um existenzielle Fragen, die den Menschen betreffen. Dabei ist aus biblischer Sicht der Gott, auf den sich unsere Existenz bezieht, so mächtig, dass er den Kosmos als Ganzen betrifft. Doch das ist für die Bibel zweitrangig, an erster Stelle steht das menschliche Dasein. Die Weise, in der sich Gott auf die Welt bezieht, ist nicht so, dass man das im Einzelfall testen könnte. Das muss man auch gar nicht können. Ich sehe von der Bibel her kein Problem mit der Naturwissenschaft. Das Umgekehrte sehe ich aber sehr wohl: Wenn der Naturwissenschaftler sagt, der Mensch sei nichts als eine genetisch programmierte Maschine, dann widerspricht das der Bibel.

Was ist der Unterschied zwischen Kreationismus und Intelligent Design?
Die beiden Begriffe werden oft vermischt und es gibt Vertreter des Intelligent Design, die gleichzeitig Kreationisten sind, die also den biblischen Schöpfungsbericht wörtlich nehmen. Da werden dann Fragen diskutiert, wie wohl die Süsswasserfische die Sintflut überlebt haben und dergleichen. Andere Intelligent-Design-Theoretiker nehmen die Bibel nicht wörtlich, sondern verweisen einfach auf Lücken in der biologischen Erklärung und fügen da den Gottfaktor ein.
Intelligent Design heisst vom Wort her, dass es in der Natur Phänomene gibt, die man nur von einem Design, das heisst von einem Zweck her aufschlüsseln kann; dass es also nicht hinreichend ist, Kausalursachen anzugeben, sondern dass man einen Plan unterstellen muss. „Schöpfung“ ist nochmals etwas anderes, denn es gab Philosophen und Dichter wie zum Beispiel Goethe und Schelling, die nahmen einen Designer der Natur an, glaubten aber nicht an eine Schöpfung. Das sind zwei verschiedene Dinge. Es kann jemand Pantheist sein und annehmen, dass Gott ein der Welt innewohnendes Prinzip ist, das zweckhaft wirkt, und doch nicht an einen christlichen, transzendenten Gott glauben. Der Schöpfungsbegriff setzt die Transzendenz Gottes voraus. Die Intelligent-Design-Theoretiker machen hier einen Fehler, indem sie beides gleichsetzen. Sie glauben, wenn irgendwo ein Zweck festgestellt wird, dann gibt es einen Schöpfergott. Doch schon Kant hat gezeigt, dass das nicht zwingend zusammenhängt.

Aber gibt es nicht berechtigte Zweifel an der darwinistischen Evolutionstheorie?
Ja, ich habe sie auch. Doch meine Zweifel betreffen nicht die innerbiologischen Mechanismen, sondern die Frage, wie der Mensch in der Evolution drinsteht, und ob es reicht, ihn als genetisch programmierte Maschine aufzufassen. Aber mit diesen Zweifeln stehe ich nicht allein. Es gibt Philosophen, die mit dem Christentum überhaupt nichts zu tun haben und dennoch ähnliche Fragen stellen wie zum Beispiel: Wie erkläre ich Moralität evolutionär?

Wie gut ist die darwinistische Evolutionslehre wissenschaftlich belegt oder bewiesen? Ist sie letztlich genauso ein Glaube wie die Schöpfungslehre?
Das würde ich nicht sagen, obwohl sie natürlich schwächer ist als eine physikalische Theorie. Ich bin aber der Meinung, dass verschiedene Fachwissenschaften unterschiedliche Theorieansprüche stellen dürfen. Die darwinistische Evolutionslehre ist kein blosser Glaubensartikel, doch es wird oft der Fehler gemacht, dass man zu hohe Geltungsansprüche mit ihr verbindet. Man kann sie nicht im gleichen Sinne beweisen wie eine physikalische Theorie, weil man keine Experimente im grossen Stil machen kann. Man kann ja die Evolution nicht nochmals ablaufen lassen.

Mit welchen Argumenten vertreten die Intelligent-Design-Anhänger ihre Idee?
Ihre Argumente sind die Lücken in den Erklärungen des Biologen. In Sachen Evolution sind wir auf Ausgrabungen angewiesen. Wenn nun etwas Neues in der Evolution passiert, dann ist das Neue so schwach ausgeprägt, dass man keine Fossilien findet. Das heisst, man hat immer das Problem, dass man keine Zwischenstufen findet. Doch das liegt einfach in der Natur der Sache.

Und an diese Lücken klammern sich die Intelligent-Design-Theoretiker?
Genau.

Ihrer Meinung nach gibt es also überhaupt keine guten Argumente für diese Theorie?
Ich bin kein Biologe, doch als Philosoph sage ich: Was die Intelligent-Design-Theoretiker machen, kann nicht funktionieren, denn sie vermischen die Ebenen der Wozu-Fragen mit jener der Warum-Fragen. Das sind aber zwei ganz verschiedene Frageweisen. Nehmen wir als Beispiel Ihr Aufnahmegerät, mit dem Sie dieses Gespräch aufzeichnen: Wenn wir dieses Gerät physikalisch untersuchen, finden wir eine geschlossene Kausalkette von Kräften. Wir könnten alles genau berechnen, doch die Frage, wozu das Gerät existiert, wäre damit noch nicht beantwortet. Das „Wozu?“ kommt in dem Gerät materiell nicht vor.

Wenn Sie der Intelligent-Design-Idee überhaupt nichts abgewinnen können, warum leiten Sie dann in der Paulus-Akademie eine Tagung zu diesem Thema?
Weil es keinen Blödsinn aus den USA gibt, der nicht früher oder später bei uns ankommt. Das fängt bei Coca-Cola an und hört bei New Age auf. Wir müssen damit rechnen, dass die Intelligent-Design-Theoretiker auch bei uns Fuss fassen. Die Tagung soll Anlass sein, ernster als sie über Grundfragen nachzudenken: Was ist die Stellung des Menschen im Kosmos? Was können wir über den Sinn des Lebens aussagen?

Muss die These eines Universums, in dem Leben durch zufällige genetische Veränderungen und natürliche Auswahl entstanden ist, der Schöpfungsthese zwingend widersprechen?
Sie widerspricht dem Schöpfungsglauben dann, wenn man behauptet, dass Zufall und Notwendigkeit ausreichen, um alles, was exis-tiert, zu erklären. Dann haben wir blinde Naturgesetze und blinde Zufälle und das widerspricht dem Schöpfungsglauben.

Dann muss man aber die Frage stellen, warum die Naturgesetze so sind, wie sie sind?
Das ist eine gute Frage, eine Frage, die ein Naturwissenschaftler nicht beantworten kann. Es ist eine metaphysische Frage. Man könnte hier antworten: Die Naturgesetze sind so, damit sie Leben und die Existenz des Menschen ermöglichen.

Warum kam es eigentlich zum Urknall?
Das ist eine Frage, die man nicht beantworten kann! Als die Urknalltheorie aufkam zur Zeit von Papst Pius XII., da war dieser Papst sehr glücklich. Er sagte: Jemand muss doch geknallt haben. Doch dann haben wir das Problem des Lückenbüsser-Gottes, denn es könnte ja sein, dass es dereinst eine bessere Theorie gibt, die den Urknall erklärt. Dann würde Gott wieder verschwinden.

Was denken Sie, werden wir diese bessere Theorie einst haben?
Das interessiert mich nicht sonderlich, denn es geht hier um eine faktische Grenze der Wissenschaft und die wird immer wieder verschoben. Man muss sich hüten, Gott an den Anfang der von der Physik definierten Ketten von Ursachen und Wirkungen zu stellen. Gott ist Anfang, aber nicht in diesem zeitlichen Sinne. Als Theologe oder Philosoph muss es mich nicht interessieren, wie es zum Urknall gekommen ist, denn das ist eine rein naturwissenschaftliche Frage. Dazu kann ich nichts sagen. Wenn Sie aber damit die Frage meinen, warum es überhaupt etwas gibt, dann kann ich die auch jetzt stellen und muss gar nicht zum Urknall zurückgehen.

Wäre auch ein ganz anderes Universum denkbar? Hätte sich die Sache nach dem Urknall auch ganz anders entwickeln können?
Das ist eine sehr wichtige Frage. Wir haben vorher die Frage angesprochen, warum die Naturgesetze so sind, wie sie sind. Ich frage mich oft: Was wäre, wenn der Energiesatz nicht gälte? Dann würden wir in einer völlig anderen Welt leben. Warum ist die Welt so, wie sie ist? Darauf kann Ihnen kein Naturwissenschaftler eine Antwort geben. Dies sind letzte Fragen, auf welche die Religion eine Antwort weiss.

Und welche Antwort?
Nun, man hat ja ausgerechnet, dass die Naturkonstanten – also die Lichtgeschwindigkeit oder die Gravitationskonstante – genau die Werte haben müssen, die sie haben, sonst gäbe es keine Menschen. Das kann ich natürlich theologisch deuten, indem ich sage: Gott wollte die Menschen, also musste er die Welt so einrichten, dass sie ins Dasein treten können. Und das hielte ich für einen sinnvollen Gedanken.

Wie zeigt sich Ihrer Ansicht nach Gott in dieser Welt?
Bei dieser Frage würde ich, obwohl das gegen meine eigene Tätigkeit spricht, mal alle Naturwissenschaft beiseite lassen. Wie gesagt, ist in der Bibel das Existenzielle an erster Stelle. Danach zeigt sich Gott primär im Leben der Menschen, während die Natur sekundär bleibt. Wir müssten also über den Menschen reden. Was ist menschliche Exis-tenz? Was ist sinnvolle Existenz? Für mich leuchtet Gott in den sinnvollen Handlungen der Menschen auf, wenn er überhaupt irgendwo aufleuchten kann, also zum Beispiel in der Hingabe an andere oder im Anerkennen von moralischen Ansprüchen, die man sich nicht abhandeln lässt. Da wird Gott für mich gegenwärtig und nicht in den Atomen. Die Menschen sind verbunden durch Liebe und Vertrauen und das ist etwas, was wir in der Physik oder in der Biologie so nicht finden.

Hat die Evolution Ihrer Meinung nach ein Ziel und das Leben also einen Sinn?
In dieser Hinsicht bin ich stockkonservativ und furchtbar simpel, denn ich meine, wenn es überhaupt eine Antwort gibt, dann kann sie nur sehr einfach sein. Das Ziel des Menschen ist in meinen Augen das erlöste Dasein mit Gott, ganz schlicht: die Auferstehung. Wie das konkret aussieht, weiss ich nicht. Aber entweder ist es wahr oder das Ganze hat keinen Sinn. An eine diesseitige Erlösung jedenfalls glaube ich nicht. Entweder habe ich das Vertrauen, dass Gott auf den krummen Zeilen meines Lebens gerade schreiben kann, oder ich habe dieses Vertrauen nicht. Eine Theorie darüber kann es nicht geben. Insofern ist der christliche Glaube eine schreckliche Zumutung, weil er etwas behauptet, was wir nicht nachprüfen können und was eigentlich auch gegen jede Intuition spricht und sehr unwahrscheinlich ist.

Haben Sie selbst denn auch schon an der Existenz Gottes gezweifelt?
Schon oft. Wenn jemand glaubt und nicht zweifelt, dann glaubt er auch nicht. Das sieht man schon im Alten Testament. Die grössten Propheten haben ständig gezweifelt. Leute, die nicht zweifeln, sind borniert. Doch was ein echter Glaube ist, darüber sollten wir im Einzelfall nicht urteilen.

INTERVIEW: JUDITH HARDEGGER

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Hans-Dieter Mutschler (59) ist Professor für Natur- und Technikphilosophie an der Universität Krakau. FOTO: CHRISTOPH WIDER