Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 11, 2006 Hanna – eine Frau findet ihren Weg zu Gott
Menschen der Bibel: zum Beispiel Hanna

Hanna – eine Frau findet ihren Weg zu Gott

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Hannas Geschichte steht am Anfang des ersten Buches Samuel. Auch wenn sie vor allem dazu dient zu erklären, warum der Prophet Samuel im Heiligtum von Schilo aufwuchs, erzählt sie auch von seiner Mutter, einer starken Frau, die geliebt wurde, aber unter ihrer Kinderlosigkeit litt: Hanna war zusammen mit einer anderen die Ehefrau von Elkana. Die andere hatte Kinder, Hanna nicht. Trotzdem hatte ihr Ehemann sie lieb, was in biblischer Zeit nicht selbstverständlich war und eigens betont werden muss: „Warum ist dein Herz betrübt? Bin ich dir nicht viel mehr wert als zehn Söhne?“, fragte er.
Jedes Jahr pilgerte die Familie nach Schilo, um Gott anzubeten und ihm zu opfern. Diese Tradition spiegelt die Frühzeit, als der Gott Israels noch nicht im Tempel von Jerusalem verehrt wurde. In Schilo „trat Hanna vor den Herrn“ – selbstbewusst und verzweifelt zugleich stellte sie sich vor Gott und betete unter Tränen. Sie versprach Gott, ihm den Sohn zu weihen, falls sie doch noch einen bekommen sollte.
Der Priester Eli war befremdet über ihr Beten; es heisst, er habe sie für betrunken gehalten, weil sie nur die Lippen bewegte und still betete. Doch sein Befremden reichte tiefer. Damals wandten sich die Gläubigen nicht selber an Gott, sondern baten einen Priester um seine Vermittlung. Doch in ihrer Not fand Hanna den direkten Weg zum Gebet und wurde so eine der ersten Beterinnen im modernen, individuellen Sinn.
Eli empfand Respekt vor ihrem Tun und weissagte ihr die Erfüllung ihrer Bitte. Tatsächlich wurde Hanna bald darauf schwanger und gebar Samuel, der ein bedeutender Prophet werden sollte. Etwa nach drei Jahren, als Hanna Samuel entwöhnt hatte, brachte sie ihn in das Heiligtum, wo er als Gott-Geweihter unter der Obhut Elis aufwachsen sollte. Der Abschied dürfte ihr schwer gefallen sein, doch das Wichtigste war ihr, dass sie überhaupt einem Sohn das Leben schenken durfte. Am Schluss der Episode dankt Hanna Gott in einem Gebet, das später eines der Vorbilder für das Magnificat der Maria von Nazaret wurde:
„Mein Herz ist voll Freude über den Herrn“, hebt es an und charakterisiert Gott als mächtig und barmherzig, der die bestehenden Macht- und Eigentumsverhältnisse, ja die ganze Wirklichkeit, umstürzen kann: „Der Herr macht tot und lebendig, er führt zum Totenreich hinab und führt auch herauf. Der Herr macht arm und macht reich, er erniedrigt und er erhöht.“ Und schliesst mit der grundlegenden Erkenntnis jedes Glaubens: „Der Mensch ist nicht stark aus eigener Kraft.“
Im Protoevangelium des Jakobus, das in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts entstand, wird die Geschichte von Anna und Joachim, den Eltern Marias und Grosseltern Jesu, erzählt. Nicht nur der Name Anna, sondern auch die Geschichte ihrer langen Kinderlosigkeit und die Übergabe der dann endlich doch noch geborenen Tochter Maria an den Tempel lehnen sich stark an das Vorbild der Hanna an. Doch nicht deswegen verdient Hanna unseren Respekt, sondern wegen ihres Vertrauens und Selbstbewusstseins, mit dem sie Gott die Erfüllung ihres grössten Wunsches abrang. Ohne Angst vor Konventionen und Ablehnung betete sie unmittelbar und ohne den Umweg über den Mann Gottes, von dem sie sich offenbar ungenügend vertreten fühlte. Das nötige Selbstvertrauen bezog sie vielleicht aus der Liebe ihres Ehemannes. Mit ihrem Vertrauen, dass Gott trotz seiner mächtigen Grösse offen sein würde für ihre Bitte, hat sie den Nachgeborenen eine neue Facette des Gottesbildes erschlossen. Darum erinnern wir uns heute noch an sie und nicht, wie sie meinte, weil sie einen Sohn geboren hat.

GISELA TSCHUDIN,

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