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Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 10, 2006 Unerwarteter Ansturm
Anlaufstelle für Sans-Papiers

Unerwarteter Ansturm

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Auch im Kanton Zürich leben zahlreiche Menschen ohne Papiere. Seit letztem August gibt es eine Anlaufstelle, wo sich Sans-Papiers beraten lassen können.

Obwohl davon ausgegangen wird, dass im Grossraum Zürich Tausende von Sans-Papiers leben, gibt es eine Anlaufstelle für diesen grössten Siedlungsraum der Schweiz erst seit August 2005. Die Idee für eine solche Einrichtung, wo sich Betroffene individuell beraten lassen können, existiert aber schon seit den neunziger Jahren. Aber im Vergleich zu Basel etwa sei die Bewegung in Zürich immer „etwas marginal geblieben“, meint Bea Schwager, die Leiterin der neu geschaffenen Anlaufstelle. Ihrer Meinung nach ist dies darauf zurückzuführen, dass das politische Klima in Zürich deutlich repressiver sei gegenüber Papierlosen als in anderen Regionen: „Gerade in der Westschweiz ist es etwas selbstverständlicher geworden, dass Sans-Papiers an die Öffentlichkeit treten und sich mit ihrer Präsenz zur Wehr setzen.“
Mit der neuen Anlaufstelle in Zürich möchten die Verantwortlichen jedoch nicht nur individuelle Beratungen anbieten, sondern gezielt auch politische Sensibilisierungsarbeit leisten. Doch war der Ansturm seit der Eröffnung wider Erwartungen derart gross, dass Letzteres deutlich zu kurz kam. Obwohl die Leitungsstelle seit März sogar aufgestockt wurde, reicht die vorhandene Zeit bis heute nicht aus, um die anstehenden Aufgaben zu bewältigen. Laut Bea Schwager kommen an den zwei offenen Nachmittagen pro Woche durchschnittlich zwischen fünf und zehn Personen, der bisherige Spitzenwert liegt sogar bei 15 Personen. Eigentlich erstaunlich, meint die Leiterin, und erinnert daran, dass jeder Besuch bei dieser offen deklarierten Beratungsstelle für Betroffene eine grosse Überwindung kostet: „Wir haben aber von der Polizei eine Art Zusicherung, dass unsere Tätigkeit toleriert wird.“
Die Anlaufstelle bekommt keine staatlichen Subventionen und ist deshalb auf Spenden angewiesen. Bisher seien es, so Bea Schwager, primär die Gewerkschaften gewesen, die zweimal eine Anschubfinanzierung geleistet hätten: „Doch für die Zukunft wollen sich die Gewerkschaften eher wieder zurückziehen.“ Auch die Zusammensetzung des Vorstandes müsste breiter ausgerichtet werden, findet die Leiterin. So sei es ihr ein grosses Anliegen, dass auch kirchliche Kreise vermehrt einbezogen würden, da diese bis anhin im Vorstand überhaupt nicht vertreten seien, ganz im Gegensatz zur Berner Anlaufstelle, die ausschliesslich von kirchlichen Kreisen getragen würde.
Damit eine breit ausgerichtete Beratung und Betreuung von Sans-Papiers überhaupt möglich ist, unterhält die Anlaufstelle ein Kontaktnetz mit Juristen, Ärzten und anderen Beratungsstellen. Schliesslich gibt es sehr unterschiedliche Sans-Papiers, die auch mit jeweils anderen Anliegen die Anlauf-stelle aufsuchen. Die einen, erläutert Bea Schwager, seien nie mit Behörden in Verbindung getreten, sie würden hier zu arbeiten versuchen, um ihre Angehörigen im Heimatland finanziell zu unterstützen. Die anderen hätten zum Teil lange in der Schweiz gelebt und plötzlich wegen Scheidung oder Arbeitslosigkeit die Aufenthaltsbewilligung verloren. Wieder andere kämen aus einem Asylverfahren und seinen letztinstanzlich negativ beurteilt worden. Bea Schwager betont jedenfalls, dass sie zunehmend mit Personen konfrontiert sei, die aufgrund ihrer Situation „richtiggehend kriminalisiert“ würden.  Eine so genannt „illegale“ Einreise oder ein so genannt „illegaler“ Aufenthalt reiche zum Teil aus, um am Ende mit einem „Rattenschwanz von Gefängnisstrafen“ konfrontiert zu werden.

SANDRO SCHAUB


www.s-paz.ch

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