SOS Narrenschiff
Schon wieder ein Geständnis: Ich sammle Fussball-Bildchen. Natürlich gut getarnt im Interessenverbund mit meinen Kindern. So kann ich mich als generöser Financier fühlen und als heimlicher Kindskopf gebärden, wenn ich am Kiosk wieder zwanzig Päckchen abhole. Meine Frau beobachtet uns dabei aus vernünftiger Distanz mit amüsiertem Blick. Sie findet unseren Bildersturm zwar ziemlich gestört, lässt uns aber alle vier Jahre gewähren – wohl wissend, dass dies erst das Training zur eigentlichen Hysterie im WM-Monat ist.
Sündhaft teure und dennoch absolut billige Bildchen – dieses Paradox überspielen wir lässig mit einem Steilpass auf gut Glück. Emmanuel Sheyi Adebayor aus Togo wird zum Star, weil die Nummer 527 immer noch nicht aufgetaucht ist. Die in glitzerndes Silber gehüllten Verbandswappen sind ehrfürchtig bewunderte Schreine. Beim Anblick der WM-Sta-dien im Massstab 1:5000 läuft es uns kalt den Rücken runter. Und selbst das pampige WM-Maskottchen wird zum Objekt der Begierde.
Dass die meisten Tschütteler auf den Bildchen noch schlechter aussehen als beim Abspielen der Nationalhymne, kann uns nicht erschüttern. Auch den fürsorglichen Hinweis auf das ruinöse Preis-Leistungs-Verhältnis umdribbeln wir locker. Unter Fanfaren kleben wir Köpfe ins Album, die von ihren Trainern bereits aussortiert oder zur Nummer 2 degradiert wurden.
Bereits mitten im Sammeldelirium habe ich mich daran erinnert, dass meine katholischen Vorfahren einst Heiligenbildchen gesammelt haben. Und ich kann mir nun vorstellen, wie damals klassische Nebenaltar-Heilige an Popularität gewannen, nur weil sie sich rar machten. Wie ein Märtyrer zum Kultobjekt wurde, weil er ein spektakuläres Folterwerkzeug vorweisen konnte. Und wie sich das Erlebnis der Messe dadurch intensivierte, dass unter Kirchenbänken Bildli getauscht wurden.
Und ich beginne zu hoffen: Vielleicht ist meine Sucht doch nicht vollständig hirnrissig. Da werden ganze Taschengeldvorräte geplündert und die Haushaltskasse angeknabbert, nur um überteuerte Bilder in lausiger Qualität zu kaufen, von Fussballern, die uns nichts sagen und deren Namen wir nicht einmal aussprechen können. Ich kann keinen einzigen guten Grund nennen, weshalb ich Fuss-ball-Bildchen sammle – und dennoch tue ich es. Wenn all das kein Fingerzeig Gottes ist: Entdeckt endlich, welche Goldgrube die Heiligen sein können – Kult sind sie ja schon lange.
Eintrag ins Logbuch: Wann kommt endlich ein Heiligen-Sticker-Album auf den Markt?
THOMAS BINOTTO