Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2006 forum Nr. 10, 2006 Faszinierend gewalttätig
Menschen der Bibel: zum Beispiel Samson

Faszinierend gewalttätig

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Man wünscht sich, biblischen Texten, mit denen man lange nichts anfangen konnte, immer näher zu kommen. Bei Samson geht es mir genau umgekehrt: Als Kind war ich von diesem Heldenepos fasziniert, aber bis heute gelingt es mir nicht, diese Erzählung auch als Glaubensgeschichte wahrzunehmen.
Samson ist ein Held klassischen Zuschnitts, sagenumwoben schon von Geburt an. Er hat zwar eine Bestimmung, nämlich den Kampf gegen die damals ärgsten Feinde der Israeliten, die Philister. Aber noch ist Israel kein Königreich und Samson ein Einzelkämpfer, der mit Strategie wenig am Hut hat. Er protzt geradezu kindisch mit seiner Kraft, die es ihm möglich macht, einen Löwen mit blossen Händen zu töten oder aus Wut dreissig Philister umzubringen. Samson erscheint als archaischer Kraftprotz und dabei weder besonders helle noch sympathisch – ähnlich wie der Germane Siegfried.
Zum Verhängnis wird Samson, dass er sich offenbar ausschliesslich in „feindliche“ Frauen verlieben kann. Seine Ehe mit einer Philisterin endet damit, dass diese zusammen mit ihrem Vater vom eigenen Stamm ermordet wird, der damit an Samson Rache nehmen will. Samson selbst übersteht den Angriff allerdings unbeschadet. In einer noch grösseren Katastrophe endet seine Liebe zur Philisterin Delila. Diese umgarnt ihn mit dem Auftrag, hinter das Geheimnis seiner scheinbar unerschöpflichen Kraft zu kommen. Nach drei fehlgeschlagenen Versuchen gelingt es ihr im vierten Anlauf, den Helden zu übertölpeln. Beim vertraulichen Sex vertraut Samson ihr die Wahrheit an: „Ein Schermesser ist mir noch nicht an die Haare gekommen; denn ich bin von Geburt an Gott als Nasiräer geweiht. Würden mir die Haare geschoren, dann würde meine Kraft mich verlassen; ich würde schwach und wäre wie jeder andere Mensch.“ (Richter 16,17)
Danach schläft Samson ermattet zu Delilas Füssen ein und wird von den herbei geeilten Philistern geschoren und in Ketten gelegt. Dann allerdings begehen diese einen verhängnisvollen Fehler: Anstatt ihren Erzfeind zu töten, blenden sie ihn und werfen ihn ins Gefängnis. Sie holen ihn erst wieder hervor, als sie bei einem Fest der johlenden Menge den nun blinden Schwächling vorführen wollen. Aber Samsons Haar ist inzwischen nachgewachsen, und damit ist auch seine Kraft zurückgekehrt. Das Fest endet damit, dass Samson den Palast zum Einsturz bringt und sich selbst mitsamt 3000 Männern und Frauen darunter begräbt. „So war die Zahl derer, die er bei seinem Tod tötete, grösser als die, die er während seines Lebens getötet hatte.“
Ich fürchte, als Kind hat mich genau das fasziniert, was mich heute abstösst: die rohe Gewalttätigkeit, die hier gefeiert wird. Jetzt erscheint mir Samson als ein Idiot mit übermenschlichen Kräften, dessen Lebensinhalt darin besteht, möglichst viele Feinde umzubringen und dessen spärliche Restintelligenz sich augenblicklich in Luft auflöst, wenn eine verführerische Frau winkt.
Als Kind steckte darin noch reines Vergnügen, weil ich auf gar nichts anderes als Spannung und Action hoffte – und davon bekam ich bei Samson wahrhaftig genug. Allerdings, wenn ich ehrlich wäre, würde ich das heute immer noch genauso geniessen. Und wenn ich ehrlich bin, dann tue ich es tatsächlich immer noch: in der Zeitung, beim Fernsehen, im Kino, beim Lesen. Nur fällt es mir schwer zuzugeben, dass mich das Triviale, das Skandalöse und Monströse, die reine Spannung und die pure Sensation genauso faszinieren wie damals, als ich mich noch nicht rechtfertigen musste.

THOMAS BINOTTO

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