Aktiv, innovativ und mobil
Die alten Bilder vom Alter greifen nicht mehr. Menschen ab 55 rufen nach neuen, innovativen Ideen und Begegnungsmöglichkeiten. Menschen treten heute zwischen 55 und 80 Jahren in eine neue Lebensphase ein, die aufgrund der erhöhten Lebenserwartung geprägt ist von Mobilität, Aktivität und grosser Selbständigkeit. Die „jungen Alten“ sind ungebrochen neugierig auf das Leben und stellen Ansprüche – die erste Nachkriegsgeneration, die mit einer rasanten Entwicklung Schritt halten musste. Wirtschaftsaufschwung, Kalter Krieg, die 68erBewegung und wissenschaftlicher Fortschritt schrieben ihre Lebensgeschichte mit. Zunehmende Individualisierung, die Emanzipation der Frau, die Revolutionierung der Kommunikation und der Bedeutungsverlust der Kirchen hielten sie in Atem. Vor 50 Jahren wurden die Menschen anders 70 als heute. „Mit 60 Seniorin? – Nein, ich fühle mich jung!“ Wie kann man dieser selbstbewussten, oft gut gebildeten und finanziell unabhängigen Generation gerecht werden? Schon die Bezeichnung dieser Altersgruppe stellt die Gesellschaft vor eine Herausforderung: Tabu sind die „Alten“ und die „Älteren“; man behilft sich mit den „jungen Alten“, den „AHV-Teenagern“, den „Jungsenioren“ oder einfach den „55plus“. Etabliert hat sich noch keiner dieser Begriffe. Deutlich jedoch grenzt sich heute diese Lebensphase von der Gruppe der Hochbetagten ab.
DISTANZ ZUR KIRCHE
Eine der grossen Herausforderungen für die kirchliche Altersarbeit ist das distanzierte Verhältnis zur Kirche, das in diesem Alterssegment festzustellen ist. Dennoch gibt es viele, die einen Teil ihrer Spiritualität und ihrer sozialen und bildungsmässigen Bedürfnisse im Rahmen kirchlicher Angebote abdecken möchten. Nur reichen da die traditionellen Angebote nicht mehr aus. Diese aktive Generation von Menschen hat viel zu geben und verfügt über grosse Ressourcen. Die neuen Gefässe bieten Raum zur aktiven Zusammenarbeit. Die „AHV-Teenager “ sind noch zu vital und engagiert, um sich in einer herkömmlichen Altersarbeit betreuen zu lassen. Ausserdem ist eine gute Ökumene und Zusammenarbeit mit nichtkirchlichen Institutionen wie Frauen- und Seniorenvereinen der Gemeinden, wenn man den Kreis über die aktiven Kirchenmitglieder hinaus erweitern möchte, unverzichtbar. Öffnung als Chance – 55plus!
NEUE ANGEBOTE
Es sind die mit der Altersarbeit betrauten Mitarbeitenden in den Pfarreien, die unterstützt von ihrem Team die neuen Angebote realisieren müssen. Seit einem Jahr haben der Diakonieverband Schweiz und die Caritas Zürich das Projekt „Als Kirche unterwegs mit Menschen ab 55“ in ökumenischer Zusammenarbeit lanciert und entwickelt. Diese Weiterbildung soll kirchliche Fachleute auf die neue Situation sensibilisieren und ihnen Wege zur konkreten Umsetzung in den Kirchgemeinden und Pfarreien aufzeigen. Erkenntnisse aus der Gerontologie, soziologische, psychologische, theologische und historische Zusammenhänge helfen, die Bedürfnisse der Zielgruppe besser einzuschätzen und damit zu arbeiten. Norbert Murer, zuständig für Diakonie und Altersarbeit bei Caritas Zürich und kirchlicher Sozialarbeiter, hat in seiner langjährigen Erfahrung in der Pfarrei schon einiges mit diesen „jungen Alten“ ausprobiert. Zum Beispiel profitieren Schülerinnen und Schüler von der reichen Erfahrung der „Seniorinnen und Senioren im Schulzimmer“. Umgekehrt werden so die „55plus“ hautnah über die neuesten Teenie-Trends auf dem Laufenden gehalten. In Volketswil hat Norbert Murer ausserdem eine „KulturPlauschGruppe“ ins Leben gerufen, die heute eigenständig funktioniert. Grossen Anklang finden nach wie vor Wandergruppen, die zum Teil ursprünglich von der Kirche initiiert worden waren, sich dann aber über viele Jahre selbständig weitertragen. „Die oft überalterten kirchlichen Gefässe wie Kolping oder Frauenvereine müssen zwar durch neue Angebote ergänzt, aber nicht zwingend ersetzt werden. Es ist ausserdem wichtig, dass die herkömmliche Altersarbeit wie Altersnachmittage, Besuchergruppen, Seniorenferien und -treffen für unsere Hochbetagten weiterhin angeboten werden“, so Norbert Murer. Die „jungen Alten“ besuchen bereits heute die Hochbetagten. Die „Generationenbrücke“ von den Menschen 55plus zu den Hochbetagten einerseits und von den Kindern zu den Jugendlichen andererseits wird immer wichtiger werden. So verwirklicht sich gelebte Solidarität unter den Generationen.
ANDREA THALI