Jahwe führt Krieg
Kriegerische Schlachten sind in aller Regel Männersache, zumal zu biblischen Zeiten. Deshalb staunt man bei der Lektüre des alttes-tamentlichen Richterbuches nicht schlecht, dass der israelitische Heeresführer Barak nur in Begleitung einer Frau in den Krieg ziehen will. Natürlich handelt es sich nicht um irgendeine Frau, die Rede ist von der Richterin und Prophetin Debora. Die gesamte Bibel kennt nur eine einzige Richterin, Prophetinnen gibt es noch wenige andere, Mirjam zum Beispiel, Hulda oder Hanna. Von Debora heisst es, dass sie unter der Debora-Palme zwischen Rama und Betel im Gebirge Ephraim sitzt, die Israeliten in Rechtsstreitigkeiten berät und als Prophetin Botschaften Gottes vernimmt. Eine solche ergeht an Barak, der mit einer Truppe von zehntausend Mann gegen die Kanaaniter in den Kampf ziehen soll. „Wenn du mit mir gehst, werde ich gehen; wenn du aber nicht mit mir gehst, werde ich nicht gehen“, so General Barak, der während des Feldzugs Jahwe durch die Prophetin befragen können will. Debora geht mit und es gelingt ihr dank Jahwes Weissagung, den richtigen Zeitpunkt für den Angriff anzugeben. So lassen sich die feindlichen Truppen in ein Gebiet locken, wo sie ihre Streitwagen nicht manövrieren können, und werden von den Israeliten vernichtend geschlagen. Der Anführer der Kanaaniter, Sisera, flieht und sucht im Zelt von Jaël Zuflucht. Diese aber schlägt dem Erschöpften, kaum ist er eingeschlafen, mit einem Hammer einen Zeltpflock durch die Schläfe, was den Sieg der Israeliten endgültig besiegelt. Davon zeugt das Deboralied, eine der ältesten Dichtungen der Bibel. Es besingt den „heiligen Krieg“, in dem Jahwe gegen die Feinde seines Volkes kämpft.
Was jetzt noch fehlt, ist der Anfang dieser Geschichte: „Als Ehud (der frühere Richter) gestorben war, taten die Israeliten wieder, was dem Herrn missfiel. Darum lieferte sie der Herr der Gewalt Jabins, des Königs von Kanaan, aus. Sein Heerführer war Sisera. Da schrien die Israeliten zum Herrn.“ Nach diesem Schema sind alle Episoden im Richterbuch aufgebaut: Israel fällt vom Jahwe-Glauben ab und huldigt fremden Göttern. Das zieht Jahwes Strafgericht durch die Feinde nach sich. Israel bereut und kehrt um. Jahwe rettet durch die Richter. Das Volk hat Ruhe, bis es wieder der Versuchung des Götzendienstes erliegt und das Ganze von neuem beginnt. Historisch ist die Richterzeit am Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausends einzuordnen. Zu der Zeit versuchen die israelitischen Stämme, das Land Kanaan in ihren Besitz zu nehmen, was einige Kriege mit sich bringt, zum einen gegen die kanaanitischen Stadtstaaten, zum andern gegen die Philister, die ebenfalls ins Landesinnere vordringen.
Nicht nur die Verfasser des Richterbuches, auch andere alttestamentliche Autoren bringen immer wieder politische Ereignisse mit Gott in Verbindung. Kriegsniederlagen werden als himmlische Strafen interpretiert, genauso wie Siege auf Jahwes Konto gehen. Dieses Denken kommt uns heute reichlich unaufgeklärt, um nicht zu sagen naiv vor. Gott führt keine Kriege, auch für die „Guten“ nicht. Und doch würde ich lügen, wenn ich behauptete, ich hätte mich noch nie durch ganz bestimmte Ereignisse in meinem Leben von Gott belohnt oder bestraft gefühlt. Mein Kopf sagt mir zwar, dass das einfältig ist. Aber es gibt religiöse Vorstellungen, die tiefer sitzen, als einem vielleicht lieb ist. Zu diesen gehört jener Gott, der nach unseren Massstäben straft und belohnt. Wir Menschen können nun mal nicht anders, als in der Ursache-Wirkung-Kategorie denken. Wäre dem nicht so, gäbe es keine Naturwissenschaften. Vorsicht ist meiner Meinung nach aber da geboten, wo wir unsere Denkweise unkritisch in den Himmel projizieren.
JUDITH HARDEGGER