„Handwerk hat Kulturfunktion“
„Meine Arbeiten wollen dem Zeitgeist, der das Billige und Wegwerfbare in den Mittelpunkt stellt, etwas entgegensetzen und aufzeigen, dass dem Handwerk Kulturfunktion innewohnt. Sie vereinigen handwerkliche Gesetzmässigkeiten und künstlerischen Gestaltungswillen mit dem Respekt der Natur gegenüber, die im Holz lebt“, sagt Primo Lorenzetti mit ruhiger Selbstverständlichkeit. Der bärtige Mann mit dem milden und gleichzeitig kritischen Blick gewinnt in der Begegnung durch seine offene Art, die tiefsinnigen Analysen und seinen feinen Humor.
Als „Vollblutmöbelschreiner“ bezeichnet er sich selbst und „Holzkünstler“, um dann zu relativieren: „Demut und Abneigung gegenüber dem herrschenden Kunstbetrieb verbieten es mir eigentlich, mich als Künstler zu bezeichnen. Ich bemühe mich um perfektes Handwerk mit intellektueller und spiritueller Durchdringung.“ Ein „Elite-Handwerker“ sei er. Immerhin.
LITURGISCHE RÄUME
Seine Werkliste ist lang und umfasst Einrichtungsgegenstände nach Plänen von Architekten und Designern ebenso wie Kunst-objekte und wertvoll restaurierte antike Möbel. Als Besonderheit jedoch gestaltet er liturgische Räume und Grabzeichen. Kreuze, Stelen, Altäre, Amben – stets geht der Arbeit von Primo Lorenzetti ein langer Denkprozess voraus. „Ich versuche die Wünsche meines Auftraggebers – eine Einzelperson oder eine Pfarrgemeinde – herauszuspüren und sie dann ikonographisch umzusetzen.“ Ein weiter Weg, der mit Visionen, Skizzen und Zeichnungen beginnt und mit der Wahl des richtigen Holzes und der konkreten Fertigung der Gegenstände und deren Platzierung im Raum endet.
Als seine Hauptwerke bezeichnet Primo Lorenzetti die neue reformierte Kirche Zürich-Witikon, die katholische „Stubenkirche“ in Greifensee, die katholische Pfarrkirche in Volketswil sowie den „Raum der Stille“ im Haus zur Stauffacherin in Zürich. Seine Arbeiten sind monumental, aber schlicht; aufs Wesentliche reduziert.
FASZINATION HOLZ
Nach über 40-jähriger Tätigkeit ist Primo Lorenzetti noch immer vom Holz fasziniert: „Holz ist ein kostbarer Rohstoff, der es verdient, mit Gefühl und Respekt behandelt zu werden.“ Aus dem zu Brettern aufgeschnittenen Baum Formen und Strukturen aufzuspüren, vor dem geistigen Auge ein mögliches Endresultat zu sehen; Bretter herauszulösen und wieder neu zusammenzufügen, zu Kuben oder Dreiecken, die geschliffen, gefeilt, beschnitzt und lackiert werden können, darin liege für ihn der Reiz der Holzbearbeitung. In seinen Werken kann das Holz beinahe textil wahrgenommen und be-griffen werden. Sinnlich, geistig und spirituell will Primo Lorenzetti sein Schaffen erfasst und verstanden wissen. Die Auseinandersetzung mit Werk und Werkstoff ist ihm wichtig. Einzig auf die Frage, mit welchem Holz er sich persönlich identifizieren könne, weiss er keine Antwort.
Schon als Bub sei er mit liturgischen Gegenständen in Kontakt gekommen, erklärt Primo Lorenzetti seine Affinität zu sakralen Räumen und Objekten. „In der Pfadi stellte ich jeweils den Feldaltar bereit, als Ministrant das Messbuch und die Gewänder. Mit siebzehn war ich fähig, einen Gottesdienst liturgisch zu begleiten.“ Religion habe ihn schon damals interessiert, nur das Gottesbild habe sich inzwischen geändert. „Der personifizierte Gott hat eine grössere Dimension angenommen und ist heute für mich die Urenergie, die das Leben speist.“
VOM HAND- ZUM KUNSTWERK
Wie sähe denn der ideale Kirchenraum aus, den er gestalten möchte, freie Hand vorausgesetzt? Primo Lorenzetti zögert. „Ich kann nicht im luftleeren Raum gestalten, trage keine Idee in mir. Ich brauche den Imput von aussen, die Auseinandersetzung mit einem Auftraggeber, der meine Kreativität anregt.“ Lösungs- und prozessorientiert sei er, sagt Lorenzetti. Und eben: ein Handwerker, kein Künstler. Obwohl: „Kunst ist edles Handwerk, das in einem günstigen Augenblick zum Kunstwerk wird.“
PIA STADLER