Liebe Leserin, Lieber Leser
Wenn morgens mein Wecker lĂ€utet, bleibe ich meist noch eine Weile liegen und trĂ€ume vor mich hin. So trĂ€umte ich denn von dem aufregenden Augenblick, da man das Testament von Papst Johannes Paul II. öffnete. In meinen Gedanken malte ich mir aus, wie in den Anweisungen zur bevorstehenden BegrĂ€bnisfeier zu lesen war: âIch wĂŒnsche, dass im Zentrum der Feier das Jesuswort steht: ,Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrĂŒcken und die MĂ€chtigen ihre Macht ĂŒber die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Grösste unter euch soll werden wie der Kleinste, und der FĂŒhrende soll werden wie der Dienende.â Damit dies sichtbar wirdâ, so der Papst weiter, âsoll es an meiner Totenmesse keine hierarchische Sitzordnung geben. Nicht zuvorderst die KardinĂ€le, dann die Bischöfe und so weiter, wie das bis anhin ĂŒblich war. MĂ€nner und Frauen, Staatschefs und ReligionsfĂŒhrer, Jugendliche und Kirchenleute, sie alle sollen sich, so wie es sich spontan ergibt, um den Tisch des Herrn versammeln. Sprechen sollen bei dieser Feier diejenigen, die glaubwĂŒrdig etwas zu sagen haben, unabhĂ€ngig von Geschlecht oder Weihegrad. Und von nun an soll immer auf diese Art Gottesdienst gefeiert werden.
â HĂ€tte ein Kardinal so getrĂ€umt, er wĂ€re wohl schweissgebadet aufgewacht und hĂ€tte beim FrĂŒhstĂŒck seinen Kollegen von einem Schreckgespenst berichtet, das Gott sei Dank nur ein Traum gewesen sei. Mich allerdings ĂŒberfiel an jenem Morgen ein wehmĂŒtiges GefĂŒhl. TrĂ€ume sind SchĂ€ume, in aller Regel jedenfalls. Ein anderes Sprichwort sagt allerdings: Keine Regel ohne Ausnahme.Â
JUDITH HARDEGGER