Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Liebe Leserin, lieber Leser

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Johannes Paul II. hat den Titel „Papst“ wirklich zu Recht getragen – er war ein väterliches Oberhaupt der Kirche – und damit auch ein menschliches. Als ich noch ein Kind war, wurde er gewählt, er hat mich also fast mein ganzes bisheriges Leben hindurch begleitet. Und weil Johannes Paul II. ein Vater sein wollte, habe ich auf ihn auch wie auf einen – allerdings ziemlich weit entfernten – Vater reagiert. Ich konnte mich über ihn freuen, er hat mich bestärkt und herausgefordert, ich konnte mich aber auch furchtbar über ihn ärgern, ihm Widerstand leisten und eigene Wege gehen.
Gerade weil Johannes Paul II. ein so menschlicher Papst war, fühlte ich mich ernst genommen und nicht als Mitmensch zweiter Klasse. Ich fühlte mich befreit, ihm auf Augenhöhe zu begegnen.
Dieses unverkrampfte Verhältnis zum Papst hat eine reformierte Freundin immer wieder irritiert: „Wie kann man derart über den Papst schimpfen und ihn dennoch als Kirchenoberhaupt anerkennen und sogar mögen?“ Ich konnte es, weil Johannes Paul II. für familiäre Verhältnisse gesorgt hat. In einer guten Familie darf man streiten und diskutieren, dass sich die Balken biegen, solange man sich gegenseitig liebt und respektiert.
Diese Ausstrahlung hat gerade junge Menschen ganz offensichtlich erreicht. Auch ich bin Johannes Paul II. dafür dankbar, dass er das Papsttum vom Thron heruntergeholt hat. Er gehört damit zu jenen Menschen, die mir immer wieder Mut gemacht haben, zur katholischen Kirche ein entspanntes Verhältnis zu haben. Dank Menschen wie ihm fühle ich mich in dieser Kirche so sehr zu Hause, dass ich es mir erlauben kann, auch selbst einmal auf den Tisch zu klopfen und die Stimme zu erheben.

THOMAS BINOTTO

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Thomas Binotto