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Zum Tode von Papst Johannes Paul II.

Kein Schatten ohne Licht

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Am 2. April 2005 ist Papst Johannes Paul II. nach fast 27-jähriger Amtszeit im Alter von 84 Jahren verstorben. Ein Versuch, diesen in jeder Beziehung aussergewöhnlichen Papst zu würdigen:

Er war ein bedeutender Papst – so viel kann man im Moment seines Todes gewiss sagen, auch wenn man seine nachhaltige Wirkung auf Kirche und Welt erst im Abstand von Jahren und Jahrzehnten wirklich wird beurteilen können. Johannes Paul II. war ein Charismatiker – und hat deshalb niemanden kalt gelassen: Er wurde über alle Massen geliebt und erbittert verwünscht. Diese Bandbreite sagt einiges über die Person aus, die solche heftige Gefühle auslöst.

CHARISMATISCH
Wie alle Charismatiker war Johannes Paul II. ungeduldig, unnachgiebig und impulsiv. Mit demokratischen Prozessen hat er sich schwer getan und Ausgewogenheit war ihm fremd. Johannes Paul II. war ein stürmischer und gradliniger Papst. Er hat selten nach links oder rechts geschaut, hat „sein Ding durchgezogen“, um es in der Sprache jener Jugend zu sagen, die ihm gerade deswegen so zugetan war.
Oft hat dieses Charisma für bewegende Durchbrüche gesorgt: das gemeinsame Gebet der Weltreligionen in Assisi; der erste Besuch eines Papstes in einer Synagoge und in einer Moschee; George W. Bush, der sich vom greisen Mann die Leviten lesen lässt.
Johannes Paul II. war als Pilger für die Menschenrechte in der ganzen Welt unterwegs, und er hat seine Stimme gegen alle Widerstände erhoben, ob sie nun von ganz frommer oder ganz kritischer Seite kamen, von innen oder aussen. Für diese Unbeugsamkeit haben ihn viele Menschen bewundert – nicht nur Katholikinnen und Katholiken.
Gleichzeitig wurde man den Eindruck nie los, dass den Charismatiker kleinkrämerische Kirchenpolitik allerhöchstens am Rande interessierte. Als geduldigen Unterhändler oder Taktierer konnte man sich diesen Papst schlicht nicht vorstellen, und Kompromisse waren ihm bestimmt ein Gräuel. So offen Johannes Paul II. auf Menschen zugehen konnte, er war dennoch weniger ein Mann des Dialogs als einer der Ermahnung und der zeichenhaften Gesten.
Es sind denn auch die symbolträchtigen Bilder, die in Erinnerung bleiben: der Besuch in seiner noch kommunistisch beherrschten Heimat; die Versöhnung mit seinem Attentäter Ali Agca; das Schuldbekenntnis für die Verbrechen im Namen der Kirche; das Gebet an der Klagemauer in Jerusalem; die offen gezeigte Krankheit.
Für Johannes Paul II. waren all das mehr als bloss mediengerecht inszenierte Events. Er war davon überzeugt, dass gerade er als Papst solche Zeichen setzen musste, um die Menschheit zur Ein- und Umkehr zu bewegen. Selbst als schwer kranker Mann ging es ihm darum, zu zeigen, dass Menschen hinfällig sein dürfen, dass das Leiden kein Makel ist, dass die Solidarität der Kirche den Schwachen gilt. Manchmal tat er das derart demonstrativ, dass einem unwohl wurde, aber immer konnte man glauben, dass die Zeichen nicht Selbstzweck waren, sondern auf eine tiefere Wirklichkeit verweisen sollten.

KOMMUNIKATIV
Im Dienste seines Glaubens an die Wirksamkeit von Zeichen hat Johannes Paul II. ganz gezielt die Massenmedien eingesetzt. Und das mit durchschlagendem Erfolg, weil er als Kommunikator schlichtweg genial begabt war: Dieser Papst schien immer er selbst zu bleiben, egal wie viele Kameras auf ihn gerichtet wurden. Seine Ausstrahlung schien jeden Einzelnen in der Masse persönlich zu treffen.
Erst durch die Massenmedien konnte Johannes Paul II. seine Mission im grossen Stil entfalten, wurde er zum „global prayer“. Gerade in seinen letzten Stunden konnte man nochmals eindrücklich spüren, welchen Stellenwert das Papsttum unter ihm erhalten hat: Alle – ob katholisch oder nicht – blickten gebannt nach Rom. Johannes Paul II. war zum geistlichen Führer geworden, der in der ganzen Welt respektiert wurde.
Auch das hat allerdings seine Kehrseite: Im gezielten Einsatz von Medien steckte auch eine gute Portion Mediengläubigkeit, der Glaube nämlich, dass nur wirksam wird, was man per Satellit in die ganze Welt überträgt, dass ein Zeichen nur dann wirkt, wenn es auch gesehen wird. Besonders im Verlaufe seiner langen Krankheit vermisste man oft das feine Gespür für die leisen und intimen Zeichen, das Gespür, dass der Glaube auch im Verborgenen Berge versetzen kann.
Die konsequente Medialisierung des Papsttums hat zudem zu einem problematischen Personenkult beigetragen. Offiziell ging es natürlich immer nur um die gute Sache, aber selbst Johannes Paul II. war nicht frei von jeglicher Eitelkeit und von Geltungsdrang. Vor allem aber hat sich mit Johannes Paul II. das, was vor hundertfünfzig Jahren in der katholischen Kirche organisatorisch angelegt wurde, für viele auch optisch durchgesetzt. Der römische Zentralismus erhielt neben der Struktur ein Gesicht: „Die katholische Kirche? – Das ist der Papst!“
So stark ist dieses Bewusstsein inzwischen, dass sich die Medienkommentatoren im Augenblick seines Todes ernsthaft fragen, wie denn die katholische Kirche in den jetzt folgenden Tagen der Sedisvakanz überhaupt funktionieren könne.
Diese Fixierung auf einen einzelnen Menschen und sein Charisma könnte für den Nachfolger von Johannes Paul II. zur grossen Hypothek werden. Die Erwartungen sind von allen Seiten gewaltig. Die einen hoffen auf einen Nachfolger, der den vorgezeigten Weg spurgenau weitergeht; andere auf einen Papst, der vielem ganz schnell eine ganz neue Wendung gibt. Beide sind sie gefangen in dem, was man seit Johannes Paul II. einen charismatischen Zentralismus nennen könnte. Entweder heisst es weiterhin: „Die katholische Kirche? – Das ist der Papst!“ oder dann „Die moderne katholische Kirche? – Das ist der fortschrittliche Papst!“ – Der Tradition der katholischen Kirche entspricht keines von beidem.

WELT-UMARMEND
Johannes Paul II. hat allerdings nicht nur die Blicke auf sich gezogen, er selbst hat den Blick auch nach aussen gerichtet. Als es die Globalisierung offiziell noch gar nicht gab, hat er sie für die katholische Kirche bereits betrieben. Im Grunde hat er mit seiner ersten Reise damit begonnen, weil fortan die Pilger nicht mehr nur nach Rom zum Papst reisten, sondern der Papst als Pilger auch zu ihnen. Fast jede Katholikin und jeder Katholik, sofern sie oder er wollte, konnte ihn einmal im Leben anfassen oder wenigstens sehen.
Damit hat Johannes Paul II. der katholischen Kirche eine neue weltumspannende Identität verliehen. Nicht zuletzt trugen seine Reisen dazu bei, dass in der katholischen Kirche die Länder des Südens einen neuen Status erhielten. Wir Europäer werden in den nächsten Jahren verstärkt spüren, wie sehr Johannes Paul II. die Kräfteverhältnisse zugunsten von Afrika, Lateinamerika und Asien verschoben hat, weil er sich von dieser jungen Kirche mehr als von der alten, satt gewordenen europäischen erhoffte. Und wir werden uns mit dem, was das Ende der europäischen und nordamerikanischen Dominanz mit sich bringt, noch schwer tun.
Allerdings haben auch diese Reisetätigkeit und das Fördern eines weltumspannenden katholischen Gemeinschaftsgefühls seine Schattenseite. Im Gegenzug hat Johannes Paul II. nämlich die kleinräumigen, lokalen Dimensionen vernachlässigt. Priesterweihe für verheiratete Männer, Ordination von Frauen, eucharistische Gastfreundschaft – das schienen ihm alles Lappalien im Blick auf die Weltkirche. Sind wir Europäer nicht mühsame Jammerlappen im Vergleich zu den begeisterungsfähigen Massen im Süden? Johannes Paul II. hat die Stärkung der Ortskirchen und der regionalen Bischofskonferenzen offensichtlich verpasst oder nicht gewollt. Während er in den grossen Dimensionen gedacht hat, wurden die kleinen unterschätzt – was allerdings teilweise auch ängstlichen und opportunistischen Bischöfen in unseren Breitengraden zu „verdanken“ ist, die sich gerne hinter der breiten Schulter des Papstes versteckt haben.

UNBEUGSAM
Oft wurde beklagt, dass Johannes Paul II. die Offenheit, die er gegenüber anderen Kulturen und Religionen ausstrahlte, nicht auch in innerkirchlichen Auseinandersetzungen aufbrachte. Was zunächst wie ein Widerspruch aussieht, besass für diesen Papst allerdings eine zwingende innere Logik: Wer den Dialog mit anderen Kulturen, Religionen und Konfessionen sucht, muss sich zunächst seiner eigenen Identität absolut sicher sein. Seine eigenen Lebenserfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus haben ihn in dieser Hinsicht geprägt: Damals konnte nur bestehen, wer selbst auf sicherem Boden stand und nicht wankend wurde.
Der Schritt vom Selbstbewusstsein zur Erstarrung ist allerdings nicht gross. Während Johannes Paul II. in seinen Büchern und vor allem in seinen Begegnungen mit Jugendlichen immer wieder durchschimmern liess, dass es für ihn durchaus Zwischentöne gab, dass er die Aufklärung nicht verschlafen hatte und dass er überhaupt nicht zum Kulturpessimisten taugte, so gab seine Umgebung, die er sich allerdings selbst ausgewählt hatte, ein anderes Bild ab.
Besonders in den letzten Jahren gewann man den Eindruck, der Vatikan befinde sich im ständigen Ausnahmezustand, im letzten Gefecht gegen die bösen Verführungen durch die säkulare Welt. Die so genannt „Papsttreuen“ überboten sich geradezu darin, noch päpstlicher als der Papst zu sein, und haben damit das Bild von Johannes Paul II. wesentlich mitgeprägt – nicht zu dessen Vorteil und auch nicht zum Wohl der Kirche.
Dennoch, dass die Kirche sich nicht beugt, dass sie dem Zeitgeist nicht willfährig folgt, nur damit die Quote stimmt, genau das gehört zu den bedeutsamsten Vermächtnissen dieses Papstes. Auch wenn man über seine konkreten Forderungen streiten kann, in einem konnte sich der Papst gerade mit vielen seiner Kritiker einig fühlen: Christen sind politisch, Christen haben sich einzumischen, Christen bleiben solidarisch, auch wenn es dafür keinen Beifall gibt.
Deshalb lag für Johannes Paul II. sein Engagement gegen die Abtreibung auf ein und derselben Linie mit der Verurteilung des Irak- Kriegs, auch wenn er damit jene vor den Kopf stiess, die ihm eben noch zugejubelt hatten – und umgekehrt. In beiden Fällen galten seine Sorge und sein Engagement dem Frieden, der Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung.
Oft schien Johannes Paul II. aber nicht einzusehen, dass sich der konkrete Alltag nicht immer nach dem Ideal richtet, dass ohne Kompromisse am Schluss auch die beste Sache auf der Strecke bleibt.
Allerdings muss man ihm wohl zugute halten, dass er als Papst schlechterdings nur vom Allgemeinfall und nicht vom Einzelfall sprechen konnte. Dennoch, in der Frage der Empfängnisverhütung beispielsweise, hätte man Verständnis dafür erhofft, dass ein „Ja zum Leben“ durchaus mit einem „Ja zu verschiedenen Formen der Empfängnisverhütung“ vereinbar ist, ja dieses sogar bedingen kann. Im Alltag werden auch überzeugte Christinnen und Christen immer Kompromisse eingehen müssen, eine reine Lehre lässt sich höchstens auf dem Papier entwerfen. Wer die Äusserungen eines Papstes samt und sonders für sakrosankt und de facto unfehlbar hält, tut letztlich der Kirche einen Bärendienst, weil sie sich damit aus dem praktischen Glaubensleben in ein theoretisch abgehobenes Ideal flüchtet, das im Alltag nicht lebbar ist.

SOLIDARISCH
Johannes Paul II. hat allerdings nie den Eindruck vermittelt, als trete er für ein welt und lebensfremdes Christentum ein. Die „Option für die Armen“ und die „Kultur des Lebens“ hat er während seines ganzen Pontifikats als Schlüsselherausforderung für die katholische Kirche empfunden und angenommen, und beide Anliegen waren für ihn untrennbar verknüpft.
Dieses tätige Engagement für die Armen hat Johannes Paul II. auf seinen Reisen, in seinen Reden und Schriften immer wieder eindrücklich gefordert und sich nie den Mund verbieten lassen. Er hat erkannt, dass sich in der Diakonie, in der tätigen Nächstenliebe, in der Solidarität mit den Armen und Geplagten die Zukunft der katholischen Kirche entscheiden würde.
Umso bedauerlicher ist es, dass er mit der Befreiungstheologie kein Einvernehmen gefunden hat, obwohl man sich inhaltlich so nahe stand. Wahrscheinlich hat auch hier seine Lebenserfahrung schwer gewogen: Sympathie mit dem Marxismus oder gar dessen teilweise Integration ins Christentum, das war für ihn undenkbar. Wer für den gescheiterten Dialog letztlich verantwortlich ist, bleibe dahingestellt. Sicher ist, dass hier eine grosse Chance für die Kirche und für das zentrale Anliegen dieses Papstes verpasst wurde.

Hans Küng hat Johannes Paul II. den widersprüchlichsten Papst des 20. Jahrhunderts genannt. Diese Einschätzung hat viel Tröstliches: Johannes Paul II. blieb Karol Wojtyla, ein Mensch, und als solcher zwangsläufig widersprüchlich, unvollkommen und inkonsequent. Gerade deshalb konnte man sich ihm verbunden fühlen, gerade deshalb hat er so viele Jugendliche erreicht.
Weil ich mir keinen makellosen Superhelden zum Papst wünsche – auch in Zukunft nicht –, gerade deshalb kann ich Johannes Paul II. so nehmen, wie er war. Ich kann damit leben, dass er mir mit der Geisselung des Irak- Kriegs aus dem Herzen gesprochen, aber auch, dass er mich mit der strikten Ablehnung von Kondomen vor den Kopf gestossen hat.
Johannes Paul II. hat die katholische Kirche nicht idealtypisch verkörpert – das kann kein einzelner Mensch. Die katholische Kirche wurde durch ihn weder an die Schwelle des Paradieses noch an den Rand des Abgrunds geführt – so wichtig und entscheidend sind Päpste glücklicherweise dann auch wieder nicht.
Aber gerade im Spiel von Licht und Schatten bei Johannes Paul II. hat das Papsttum menschliche Züge erhalten. Auch Johannes Paul II. war nur ein gläubiger Mensch – und das war vielleicht sein grossartigstes und entscheidendes Charisma.

THOMAS BINOTTO

 

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