Warum wir ihn Herr nennen
Vor siebzehn Jahren habe ich die Osterferien auf Zypern verbracht. Ich hoffte, mir dort einen lange gehegten Wunsch endlich erfüllen zu können. So machte ich mich auf die Suche – in Geschäften, in Ateliers, in Klöstern. Nirgends fand ich, was mich angesprochen hätte. Ich wollte mir eine Ikone erstehen. Vorerst war noch offen, was sie darstellen sollte.
Da passierte auf Zypern etwas Schreckliches. Ein entführtes Flugzeug wurde in Larnaka zur Landung gezwungen. Brutale Entführer sorgten für Bilder, die ich nicht mehr vergessen kann: Eine erschossene Geisel wurde aus der Luke des Flugzeugs auf die Piste geworfen. Zu diesen Bildern von Gewaltherrschaft müsste man ein Gegenbild finden. Mir wurde klarer, wie meine Ikone aussehen könnte.
Schliesslich war Ostern. Ich besuchte die nächtliche Liturgie, die gut vier Stunden dauerte. Die Gläubigen blieben allerdings nicht die ganze Zeit in der Kirche. Es war ein Gehen und Kommen. Man ging etwas trinken, machte einen kleinen Spaziergang oder ging tanzen. Der ganze Ort war ja in froher, festlicher Stimmung. Nach einiger Zeit kam man dann wieder in die Kirche zurück. Ich habe mich für ein Getränk und ein paar Schritte durch die halbdunkeln Gassen entschieden. Und da habe ich sie plötzlich gesehen, meine Ikone, an der Wand eines Ateliers. Sie zeigt Christus, den Herrn. In der Osternacht habe ich sein Bild für mich entdeckt.
Diese Ikone wurde erst im letzten Jahrhundert auf altes Holz gemalt. Durch die Geschichte bezeugen solche Ikonen den österlichen Glauben an Jesus Christus: Gott hat ihn verherrlicht. Sein Gesicht ist ruhig und ernst uns Betrachtern zugewandt. Würdig und streng wirkt es und zugleich sanft, fast traurig, unnahbar und doch vertraut. Schauen seine Augen mich an oder sind sie in eine unbestimmte Ferne gerichtet? Sein rotes Gewand mag an Feuer und Blut und an die Glut der Liebe erinnern, der blaue Mantel an das von ihm verkündete „Reich der Himmel“. Die rechte Hand ist zum Segen erhoben, mit der linken drückt er das Buch der Frohen Botschaft an sein Herz.
Solche Ikonen wollen nicht bloss den Menschen Jesus von Nazaret porträtieren, sondern zugleich andeuten, was unsichtbar ist. Durch den goldenen Hintergrund und den kreisrunden Nimbus wird auf die göttliche Dimension hingewiesen. Die Bildinschriften bestätigen und beglaubigen zudem, was gemeint ist. Links sehen wir in griechischer Schrift das Monogramm für Jesus, rechts das für Christus. In den Kreuzbalken des Heiligenscheins ist zu lesen: ho on (der Seiende), entsprechend der Selbstdeutung Gottes am brennenden Dornbusch: „Ich bin da“ (Exodus 3,14). In der Ikone soll deutlich werden, was der johanneische Jesus sagt: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9), und was der Kolosserbrief (1,15) mit diesen Worten bezeugt: „Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes.“
Eine solche Christusgestalt wird auch Pantokrator (Allherrscher) genannt. Mit diesem Begriff wird in der griechischen Übersetzung des Ersten Testaments 120mal der Gottesname JHWH umschrieben. Der Osterglaube hat Gottesbezeichnungen wie Kyrios (Herr) oder Pantokrator kühn auf den Auferstandenen übertragen und sagt damit: Er ist unser Herr! Aber seine Herrschaft ist ganz anders als die anderer Herrscher. Sie unterdrückt nicht, sondern richtet auf. Sie macht nicht Angst, sondern ermutigt. Sie schränkt nicht ein, sondern befreit.
Wo das Lebensprogramm Jesu auch unsere Entscheidungen prägt, wo seine Lebensfreude auch uns ansteckt, wo sein Lebensweg auch für uns wegweisend wird, wo seine Lebensmelodie auch unsere Schritte beschwingt und tonangebend für uns wird, da bekennen wir mit unserem Leben den Osterglauben, dass er unser Herr ist.
WALTER ACHERMANN