Liebe Leserin, lieber Leser
Die 153 Tafeln der romanischen Bilderdecke in der St.-Martins-Kirche Zillis stellen das Leben Jesu fast vollständig dar: die Geburt im Stall, seine Taufe im Jordan, die Versuchung in der Wüste, seine Wunderheilungen, die Tempelreinigung, das Letzte Abendmahl, die Passion – einzig ein Osterbild sucht man vergebens. Oder vielleicht doch nicht?
Als Osterbotschaft diente dem Künstler die Martinslegende, und zwar nicht, weil er dem Zilliser Kirchenpatron irgendwo noch einen Platz bieten musste, sondern weil er verstanden hat, was Ostern eigentlich meint: Christus lebt weiter in jenen Menschen, die seine Nachfolge antreten, die sein Vermächtnis tatkräftig weiterführen, genau so wie der heilige Martin. Einem frierenden Bettler schenkte er die Hälfte seines Mantels. Weil er nicht herrschen, sondern dienen wollte, setzte er sich in der Kirche nie auf den Bischofsthron, sondern stets auf einen unscheinbaren Bauernstuhl. Auch für Ketzer forderte er eine faire Behandlung. Er soll Kranke geheilt und Tote auferweckt haben, wie es unser Titelbild darstellt. Kurz: Der heilige Martin nimmt die Frohe Botschaft ernst, ihn geht Ostern ganz direkt an und ist deshalb viel mehr als eine Gedenkfeier an ein wundersames Ereignis vor langer Zeit. Niemand brachte diesen Gedanken treffender auf den Punkt als der Mystiker Angelus Silesius:
„Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren. Das Kreuz auf Golgatha kann dich nicht von dem Bösen, wo es nicht auch in dir wird aufgericht’t, erlösen.“Â
JUDITH HARDEGGER