Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2005 forum Nr. 7, 2005 Fast zu viel des Guten
Die Farbe Weiss und ihre Symbolik

Fast zu viel des Guten

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Die Farbe Weiss steht seit jeher für Vollkommenheit, Wahrheit und Reinheit – und ist trotzdem keine langweilige Farbe.

Für das Brockhaus Universallexikon ist es eine nüchterne Angelegenheit: Weiss ist „diejenige neutrale (unbunte) Körperfarbe, die nach dem DIN-Farbsystem (…) die hellste von allen Farben ist und (im Gegensatz zu Schwarz) das andere Ende der Grauskala bildet“. Optisch-physikalisch ist Weiss die Summe aller Farben des sichtbaren Lichts.
Bereits etwas poetischer wird es, wenn man dem Ursprung des Wortes „Weiss“ nachgeht. Zum Bedeutungsfeld seiner indogermanischen Wurzel gehören leuchten, glänzen, licht und hell. Im Griechischen werden Licht und Weiss wortwörtlich eine Einheit, denn leukós bedeutet beides: licht, glänzend und weiss.
Der französische Baron Frédéric Portal (1804–1876) hat eine entsprechende Farbtheorie entwickelt. Für ihn ist Weiss nicht eigentlich eine Farbe, sondern das Ausfliessen des göttlichen Lichts, das von der Sonne ausgeht – ein strahlend weisses Weiss also.
Farbenlehre und Symbolik scheinen hier fast unweigerlich ineinander zu fliessen – und wo die Symbolik auftaucht, da ist meist die Religion nicht weit. In diesem Fall gilt das sogar fast schon global: Weiss, das ist die Farbe des Göttlichen, der Wahrheit, des Wissens, des Guten … schlechterdings all dessen, was ideal ist. Bereits Zeus erschien Europa der Sage nach als weisser Stier; im alten Ägypten galt Weiss als Farbe des Glücks, die Römer nannten ein Glückskind ein „Kind der weissen Henne“, im Buddhismus wird die weisse Lotusblüte als Zeichen für das Gute gedeutet; in Indien verkörpern weisse Rinder das Licht und in China gelten Reiher und Ibis als heilige Vögel der Unsterblichkeit.
Selbst im ganz weltlichen Betrieb ist Weiss eindeutig besetzt. Das Wort „Kandidat“ beispielweise kommt von „candidus“, was strahlendes Weiss bedeutet. Wer sich in Rom um ein politisches Amt bewarb, musste der Öffentlichkeit Red und Antwort stehen und dabei eine weisse Toga tragen. Wenn er seine Zuhörer überzeugen konnte, ging er aus dieser Befragung mit weisser Weste hervor.
Noch praktischer wird das Symbolische, wenn es um die Reinheit geht. Die Arbeitskleidung im Gesundheitswesen und in der Lebensmittelindustrie ist nicht zufällig weiss. Weil hier Hygiene und Sauberkeit eine entscheidende Rolle spielen, wird der weisse Untergrund zum einfachsten Indikator für Verunreinigungen.

GRUNDFARBE DES CHRISTENTUMS
Im Christentum ist Weiss genau wie in anderen Kulturen von herausragender Symbolik. Der Heilige Geist wird als weisse Taube dargestellt, Christus als weisses Lamm und Gottvater als gleissender Lichtstrahl. Die weisse Lilie wird auch Madonnenlilie genannt und steht als Symbol für die Jungfräulichkeit der Gottesmutter.
Auch die liturgische „Basisbekleidung“, also das Messhemd und der Strick, der dieses zusammenhält, sind weiss. Dies erinnert an die antike Zivilkleidung, wo erst die Oberkleidung mit ihrer mehr oder weniger kostbaren Färbung Auskunft über Stand und Vermögen des Trägers gab. In der alten Kirche wurde als liturgisches Gewand eine ungefärbte Unterkleidung verwendet, die aber gebleicht wurde und deshalb nicht grau, sondern weiss war.
Es mutet paradox an, aber ausgerechnet Weiss, die Farbe des Göttlichen, ist die am wenigsten kostbare, die billigste Farbe. Ganz im Gegensatz zu Schwarz: Die tiefschwarzen Klostergewänder der Mönche im Hochmittelalter waren nicht Zeichen von besonderer Armut. Vielmehr wurde damit gerade Wohlstand angezeigt, weil das schwarze Tuch besonders teuer war. Das Lebensprogramm der Bettelorden wurde deshalb bis in ihre Kleidung sichtbar: Die grobe braune oder graue Kutte bedeutete Armut, weil sie aus dem billigsten Stoff hergestellt wurde, den es gab.
Entgegen ihrer symbolischen Bedeutung war Weiss deshalb bis in die Neuzeit hinein keine Farbe von besonderer Festlichkeit. Bis ins 20. Jahrhundert hinein heiratete man beispielsweise in Schwarz. Der Grund war ein ökonomischer: Weil man es sich nicht leisten konnte, für einen einzigen Tag ein Kleid zu kaufen, heiratete man in Schwarz, um das festliche Gewand auch bei späteren Gelegenheiten verwenden zu können.
An einigen Orten war Weiss sogar die Farbe der Trauer, beispielsweise am französischen Königshof. In China ist sie das heute noch, was vielleicht damit zusammenhängt, dass dort Weiss den Herbst und damit auch die Vergänglichkeit repräsentiert.
Ein eigentlicher liturgischer Farbkanon, in dem dann auch Weiss seinen Platz erhielt, wurde erst Anfang des 13. Jahrhunderts von Papst Innozenz III. eingeführt. Wirklich verpflichtend wurde dieser aber erst mit dem Trienter Missale von 1570. Auch dessen Erneuerung von 1970 hat der Farbkanon praktisch unverändert überstanden. Heute gilt:Weiss ist die liturgische Farbe für die Osterund Weihnachtszeit, für die Christus- und Marienfeste und für alle Heiligenfeste, sofern es sich bei den gefeierten heiligen Männern und Frauen nicht um Märtyrer handelt. (Diesen wird Rot zugeordnet.)

ZWEI WEISSE SONNTAGE
In der katholischen Tradition sind gleich mehrere Sakramente eng mit Weiss verknüpft – und immer werden damit Reinheit, Unschuld und Auferstehung betont, sei das bei der Taufe oder der Hochzeit und übrigens auch bei der Priesterweihe. Nicht zufällig markieren diese Sakramente unter anderem einen Anfang, einen Wendepunkt im Leben, wo die Zukunft als unbeschriebenes Blatt vor uns liegt.
Auch die Erstkommunion markiert einen neuen Abschnitt im Glaubensleben. Ursprünglich wurde bezeichnenderweise noch nicht zwischen Taufe, Erstkommunion und Firmung unterschieden – und wenn man genau hinschaut, spürt man heute noch, dass es sich hier eigentlich um ein Sakrament für verschiedene Entwicklungsstufen des Christseins handelt – heute angelegt auf dem Weg vom Säugling zum Erwachsenen. In der alten Kirche war es möglich, dass bereits Säuglinge alle drei Sakramente erhielten. Und noch das IV. Laterankonzil von 1215 setzte für die Erstkommunion keinen festen Termin fest. Das Alter der Kinder schwankte deshalb zwischen sieben und vierzehn Jahren.
Erst nach dem Konzil von Trient (1545– 1563) begann sich die Erstkommunion zu jenem Fest zu entwickeln, als das wir es in seinen Grundzügen immer noch kennen. Und erst vom 17. Jahrhundert an wurde der Weisse Sonntag zum allgemeinen Erstkommunionstag.
Eine Entwicklung, die wiederum die Verbindung mit den Sakramenten Taufe und Firmung deutlich macht. Ursprünglich gab es in der Kirche nämlich zwei weisse Sonntage. Der erste wurde am Sonntag „Invocabit“ gefeiert, dem ersten Fastensonntag oder 6. Sonntag vor Ostern. An diesem Tag wurden all jene, die in die Kirche aufgenommen werden wollten, in weisse Gewänder eingekleidet. Auf dass sie dann in der Osternacht getauft würden.
Danach trugen sie ihr Taufkleid noch eine Woche lang. Der Sonntag, an dem sie dann ihr Taufkleid endgültig ablegten, wurde ebenfalls „Weisser Sonntag“ genannt. Die Kommunionkinder nehmen also mit ihren weissen Gewändern die Tradition dieser Täuflinge auf und führen sie weiter, auch wenn heute in vielen Pfarreien die Erstkommunion bereits nicht mehr am „Weissen Sonntag“, also am Sonntag nach Ostern, gefeiert wird.

UNERSCHÖPFLICHER SYMBOLGEHALT
Obwohl Weiss so eindeutig wie keine andere Farbe mit positiven Vorzeichen versehen wurde, ist sie keine besonders beliebte Farbe. Bei einer Umfrage lehnten sie zwar nur ein halbes Prozent der Deutschen ab, es waren aber auch nur gerade 3 Prozent, die Weiss als Lieblingsfarbe erklärten. Weiss ist in unserem Empfinden nicht nur die Farbe der Fülle, sondern auch jene der Leere. Im Französischen wird eine tonlose Stimme „une voix blanche“ genannt und eine schlaflose Nacht „une nuit blanche“. Weiss ist so vollkommen, dass es uns langweilig erscheint, ohne Kontrast und Spannung. Nicht zuletzt deshalb gibt es wohl in der christlichen Tradition ein so ausgeprägtes und kontrastreiches Spiel mit Schwarz und Weiss. Ganz nach dem Motto: Noch weisser wird Weiss, wenn man es neben das Schwarze hält.
Mit Weiss lassen sich problemlos Symbolbilder ohne Ende generieren. Selbst die moderne Technik liefert dafür Stoff: Wenn unser Computerbildschirm weiss erscheint, dann ist dies das Ergebnis einer technisch erzeugten Harmonie. Zur Verfügung stehen drei Farben: Rot, Grün und Blau (RGB). Wenn diese exakt gleichmässig leuchten, dann ist das Ergebnis ein weisser Farbpunkt.
Dieser Effekt bietet sich für eine trinitarische „Ausbeutung“ geradezu an: Das Paradox des einen Gottes in drei Gestalten lässt sich genauso auflösen. (Rot, Grün und Blau sind im Übrigen auch Symbolfarben für die Dreifaltigkeit.) Weil Gottvater, Jesus Christus der Gottessohn und der Heilige Geist in vollkommener Harmonie zueinander stehen, wird nicht mehr ihre Verschiedenheit sichtbar, sondern die Einheit in der Dreifaltigkeit – in göttlichstem Weiss.

THOMAS BINOTTO
Informationen zu Farblehre und Farbsystemen:
www.colorsystem.com
www.farbimpulse.de 


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BIBLISCHES WEISS
Der Symbolgehalt der Farbe Weiss im Christentum wurde auch durch biblische Quellen geprägt:

JÜNGER SEHEN JESUS IN HERRLICHKEIT
Sechs Tage später nahm Jesus die drei Jünger Petrus, Jakobus und Johannes mit sich und führte sie auf einen hohen Berg. Sonst war niemand bei ihnen. Vor den Augen der Jünger ging mit Jesus eine Verwandlung vor sich: Seine Kleider strahlten in einem Weiss, wie es niemand durch Waschen oder Bleichen hervorbringen kann. Und dann sahen sie auf einmal Elija und dazu Mose bei Jesus stehen und mit ihm reden. Da sagte Petrus zu Jesus: „Wie gut, dass wir hier sind, Rabbi! Wir wollen drei Zelte aufschlagen, eins für dich, eins für Mose und eins für Elija.“ Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte, denn er und die beiden andern waren vor Schreck ganz verstört. Da kam eine Wolke und warf ihren Schatten über sie, und eine Stimme aus der Wolke sagte: „Dies ist mein Sohn, ihm gilt meine Liebe; auf ihn sollt ihr hören!“ Dann aber, als sie um sich blickten, sahen sie niemand mehr, nur Jesus allein war noch bei ihnen. Während sie den Berg hinunterstiegen, befahl ihnen Jesus, mit niemand über das zu sprechen, was sie gesehen hatten, bevor nicht der Menschensohn vom Tod auferstanden wäre. Dieses Wort griffen sie auf und diskutierten darüber, was denn das heisse, vom Tod auferstehen.
MARKUS 9,2–10

DIE SCHAR DER SCHON VOLLENDETEN
Danach sah ich eine grosse Menge Menschen, so viele, dass niemand sie zählen konnte. Es waren Menschen aus allen Nationen, Stämmen, Völkern und Sprachen. Sie standen in weissen Kleidern vor dem Thron und dem Lamm und hielten Palmzweige in den Händen. Mit lauter Stimme riefen sie: „Der Sieg gehört unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm!“ Alle Engel standen im Kreis um den Thron und um die Ältesten und um die vier mächtigen Gestalten. Sie warfen sich vor dem Thron zu Boden, beteten Gott an und sprachen: „Das ist gewiss: Preis und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre, Macht und Stärke gehören unserem Gott für alle Ewigkeit! Amen.“ Einer der Ältesten fragte mich: „Wer sind diese Menschen in weissen Kleidern? Woher kommen sie?“ Ich antwortete: „Ich weiss es nicht, Herr. Du weisst es!“ Da sagte er zu mir: „Diese Menschen haben die grosse Verfolgung durchgestanden. Sie haben ihre Kleider gewaschen und im Blut des Lammes weiss gemacht.“
OFFENBARUNG 7,9–14