Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zuerich

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Sie sind hier: Startseite Archiv 2005 forum Nr. 6, 2005 Keiner hat Jesus so verbissen geliebt
Menschen der Bibel: zum Beispiel Judas

Keiner hat Jesus so verbissen geliebt

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Menschen, die einen biblischen Vornamen tragen, gibt es viele: Sara, Rahel, Eva, Daniel, Andreas – in Spanien habe ich gar mehrere Männer mit dem Namen Jesus kennen gelernt. Nur Judas kenne ich keinen einzigen. Das deutsche Namensgebungsgesetz verbietet den Namen Judas. Und das hat seinen guten Grund.
Judas Iskariot hat sich durch eine einzige Tat so tief in das kollektive Gedächtnis der Christenheit und der abendländischen Kultur eingegraben, dass er zum Inbegriff wurde für Verrat und Hinterhältigkeit, für Habgier und Falschheit. Für dreissig Silberstücke verriet er den Hohepriestern und Ältesten den Aufenthaltsort Jesu, so dass sie ihn verhaften und in der Folge verurteilen konnten.
Judas, das ist der Prototyp des gewissenlosen, von Profitgier getriebenen Menschen, der für Geld über Leichen geht und dabei vor nichts – nicht einmal vor dem Verrat eines Vertrauten – zurückschreckt. So jedenfalls das gängige Bild, das wir vor uns sehen, wenn wir den Namen Judas hören. Was mich schon immer gestört hat an diesem Bild, ist die Tatsache, dass von Anfang an feststand: Einer der zwölf Jünger musste Jesus verraten und dies würde Judas sein. Einen vollends neuen Blick auf die Judas-Figur eröffnete mir vor Jahren Luise Rinser mit ihrem Buch „Mirjam“. Da heisst es von Judas: „Er war ein kluger Kopf, doch finster. Er redete wenig, aber sah und hörte alles. Er lachte nie und schlief wenig. Immer war er neben dem Rabbi, wie ein Wachhund war er, sprungbereit. Er entfernte sich nur, um Nachrichten einzuholen. Täglich brachte er Berichte von Verhaftungen, Enteignungen, Foltern und Kreuzigungen; er notierte die steigende Höhe der Preise und der Steuern. Er schilderte das Elend der Armen und das Luxusleben der Oberen und schaute dabei mit glühenden Augen auf Jesus.“ In Rinsers Buch ist Judas nicht der Profiteur und Egoist par excellence, sondern im Gegenteil ein Kämpfer für soziale Gerechtigkeit und politische Befreiung. Mit seinem Kuss will er Jesus nicht verraten und ausliefern, sondern er will ihn dazu zwingen, sich endlich als politischer Herrscher und Befreier des unterdrückten Volkes zu erkennen zu geben.
Und plötzlich stelle ich mir diesen Judas vor als einen, der angesichts der Not, die das von den Römern unterjochte Volk schon so lange erleidet, einfach nicht mehr anders kann, als zur Tat zu schreiten. „Wenn wir sie nicht vertreiben, so wird auf unserem Land kein Getreidehalm mehr wachsen, und auf den Hügeln werden statt fruchtbarer Bäume nur mehr Kreuze stehen, und der Ewige wird sich abwenden von seinem Volk, das ein Volk von hirnlosen Schafen wurde, von römischen Wölfen geführt, wohin sie nicht wollen“, so Rinsers Judas.
Wird sich einer, der nur nach persönlicher Bereicherung trachtet, das Leben nehmen, nachdem er vom Todesurteil über Jesus hört? „Nicht über Jesus weinte ich“, so die Romanfigur Mirjam, „sondern über Judas. Drei Jahre einer der Unsern. Und keiner hat Jesus so glühend, so todeswürdig verbissen geliebt wie er. Später hörten wir, er habe vom Hohen Rat viel Geld bekommen für seine Dienste. Er konnte Geld nicht widerstehen. Es war ihm Symbol der Freiheit. Nicht für sich selber nahm er es, sondern für den Befreiungskampf.“
Ein Plädoyer für den Terrorismus soll das hier natürlich nicht werden. Vielleicht aber ein kleiner Beitrag zur Ehrrettung einer womöglich zu Unrecht so verschmähten biblischen Figur.

JUDITH HARDEGGER

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