Patron der Gläubigen
Im Hintergrund bleiben und Vertrauen schenken, das klingt nicht gerade spektakulär. Vielleicht ist das mit ein Grund, weshalb Josef uns oft als farblose Gestalt erscheint. Als „Ziehvater“ ohne Gewicht im Schatten von Christus und Maria.
Was Josef auszeichnet, mag fade wirken, es ihm gleichzutun, verlangt aber einiges – ganz besonders von uns Männern. Wir nehmen uns wohl nicht zufällig lieber Petrus oder Paulus zum Vorbild und kaum je den braven Handwerker Josef. Wir gefallen uns in der Rolle als Diener des Herrn, aber natürlich beanspruchen wir dafür das Zentrum der Bühne. Zum Patron der Arbeiter mag Josef taugen, aber zum Patron der Männer oder gar der Kleriker, der Theologen, der Gelehrten – als Aufforderung für all jene, die sich selbst allzu wichtig nehmen, dafür scheint Josef das Charisma abzugehen.
Ich bin aber überzeugt, dass gerade eine gehörige Portion Josefsgeist immer wieder nötig ist. Wenn wir uns mit der Arbeit im Hintergrund zufrieden geben würden, käme es im Rampenlicht wahrscheinlich weniger häufiger zu Handgemengen. Josef hat es offenbar ertragen, dass die Aufmerksamkeit einer Frau und einem Kind zukamen und nicht ihm. Vielleicht hat er sich dabei sogar wohl gefühlt. Ich stelle mir vor, dass er es geradezu genossen und daraus sein ganz besonderes.Selbstbewusstsein gewonnen hat.
Menschen, die im Hintergrund arbeiten, die für eine solide Basis tätig sind, die Gewähr für eine sichere Lebensgrundlage bieten, die den ganz normalen Alltag meistern, solche Menschen wissen, dass ohne sie die Kür nicht möglich ist. Oder, etwas weniger salopp und auf Josef gemünzt ausgedrückt: Auch das Heil der Menschheit braucht einen festen Boden unter den Füssen.
Mit einer zweiten Eigenschaft Josefs haben wir fast noch mehr Mühe – und diesmal nicht nur wir Männer. Josef hat in einer Situation vertraut, wo alles gegen dieses Vertrauen gesprochen hat. Ein Engel, der ihm im Traum erschienen ist, hat schon genügt, um ihm die Jungfrauengeburt glaubhaft erscheinen zu lassen. Ob es nun tatsächlich eine Jungfrauengeburt war oder nicht, ist dabei überhaupt nicht der springende Punkt. Entscheidend ist, dass Josef das Wagnis eingegangen ist, das untrennbar zum Vertrauen gehört: Er hat geglaubt, ohne Beweise zu haben.
Wer die Jungfrauengeburt ablehnt, weil auch heute noch alle Wahrscheinlichkeit dagegen spricht, der verschiebt das Problem nur.
Irgendwann wird früher oder später der Augenblick kommen, wo er vertrauen muss, ohne Beweise zu haben, wo der Glaube ohne Gewissheit eingefordert wird. Es gibt immer eine Jungfrauengeburt, an die wir glauben müssen.
Deshalb beneide ich Josef geradezu, weil er scheinbar so bereitwillig vertrauen konnte. Was habe ich nicht schon versucht, die Brocken, die mir das Christentum und die Kirche zumutet, mit raffinierten Erklärungen zu pulverisieren; wegzudiskutieren, worüber ich nicht hinwegkommen konnte. Nur um sogleich vor einem noch grösseren Brocken zu stehen. Ich habe rationalisiert bis zum Gehtnichtmehr und dabei ganz vergessen, mit dem Glauben anzufangen.
In diesem einen Punkt hat Josef sogar Maria etwas voraus. Während sie ganz genau wusste, wie es nun mit dieser Jungfrauengeburt stand, hat Josef vertraut und geglaubt. Damit ist er nicht nur der Patron eines jeden Gläubigen, er erscheint auch viel spannender, als wir uns das zunächst gedacht haben: Josef ist das Risiko eingegangen, als leichtgläubiger Trottel dazustehen. Er hat das Leben ohne Sicherheitsnetz gewagt. Er hat den Glauben als Abenteuer begriffen.
THOMAS BINOTTO