Eine Licht-Spiel-Uhr
forum: Die alte Weihnachtsbeleuchtung der Bahnhofstrasse war bei allen Generationen unglaublich populär. Ein Siegerteam soll man nie auswechseln, heisst die Redensart, weshalb ist es hier dennoch geschehen?
Heidi Mühlemann: Die Beleuchtung von Willi Walter und Charlotte Schmid war 1971 tatsächlich ein grossartiger Wurf. Deshalb haben wir ihm ja auch 34 Jahre lang die Treue gehalten und deshalb wurde er so häufig kopiert. Dennoch kam die Idee einer neuen Weihnachtsbeleuchtung auf, als in der Vereinigung Bahnhofstrasse diskutiert wurde, wie wir unser 50-Jahr-Jubiläum begehen wollten.
Und da regte sich kein Widerstand?
Doch, natürlich gab es rege Diskussionen, weil auch in der Vereinigung viele wie Sie an der alten Beleuchtung hängen. Selbst als wir den Wettbewerb ausgeschrieben haben, war noch nicht entschieden, ob am Schluss tatsächlich eine neue Lösung gewählt würde. Deshalb schickten wir die bisherige Beleuchtung ganz bewusst ebenfalls als Projekt in den Wettbewerb. Falls uns von den neuen Vorschlägen nichts überzeugt hätte, wären wir bei der bisherigen Beleuchtung geblieben. Die hätte man dann allerdings für ziemlich viel Geld grundlegend restaurieren müssen.
Die Messlatte lag für die Wettbewerbsteilnehmer also ziemlich hoch?
Sicher. Wir wollten eine Beleuchtung, die genauso einzigartig und überzeugend wird, wie die bisherige. Es war übrigens auch für die Projektteilnehmer nicht ganz leicht, sich vom Bestehenden zu lösen. Von den zehn Teams, denen wir schliesslich einen Projektauftrag erteilt haben, lehnten sich acht an der alten Beleuchtung an. Für uns war aber sehr schnell klar, dass wir etwas ganz anderes wollten. Andernfalls hätte wir ja gleich bei der bestehenden Weihnachtsbeleuchtung bleiben können.
Es ist offenbar nicht nur für die Kirchen schwierig, sich im Spannungsfeld zwischen Tradition und Wandel zu bewegen. Weshalb kamen Sie zur Überzeugung, dass nach 34 Jahren der richtige Moment gekommen sei?
Im Nachhinein sieht alles immer einfach aus. Aber im Moment der Entscheidung ist es schwierig, den richtigen Augenblick zu finden. Zu den Gründen, die den Ausschlag gegeben haben, gehörte sicher, dass sich die Bahnhofstrasse seit 1971 ganz wesentlich verändert hat. Damals gab es weder Fassadenbeleuchtung noch derart helle Schaufenster. Auch die Weihnachtsbeleuchtungen in den Nebenstrassen sind erst in den vergangenen drei Jahrzehnten entstanden. Zudem hat sich die Beleuchtungstechnik enorm weiterentwickelt, so dass heute Dinge möglich sind, an die man damals noch gar nicht denken konnte. Und nicht zuletzt verbraucht die neue Beleuchtung viel weniger Energie als die alte. Jedes Geschäft wird alle paar Jahre umgebaut, weil es sonst verstaubt wirkt. Wir waren von unserer Beleuchtung 34 Jahre lang überzeugt – aber jetzt fanden wir, die Zeit für eine Veränderung sei reif.
Wenn man sich von einer Tradition verabschiedet und etwas Neues wagt, geht man immer Risiken ein, ganz besonders in diesem Fall, wo man gleich aufs Ganze gehen musste und keine Testläufe machen konnte. Gab es Momente, wo Sie das Flattern gepackt hat?
Zwischendurch, als wir mit Fotomontagen und Computeranimationen arbeiten mussten, hatte ich schon Mühe, mir vorzustellen, wie das dann in der Realität aussehen würde. Wir haben uns in dieser Phase auf die Lichtspezialisten verlassen müssen und darauf, dass die von ihnen beschriebenen Wirkungen auch tatsächlich eintreten würden. Man darf nicht vergessen, dass nicht nur das Konzept, sondern auch diese Art von Beleuchtung, insbesondere die Leuchtstäbe, völlig neu entwickelt wurden. Aber als ich dann die Leuchtstäbe eins zu eins in der Bahnhofstrasse hängen sah, da war es mit dem Flattern vorbei.
Und jetzt hoffen Sie auf den Beginn einer neuen Tradition?
Das Image der Bahnhofstrasse und der Ruf der alten Beleuchtung waren sehr wichtige Gesichtspunkte für die Entscheidung. 1971 ist ein grosser Wurf gelungen, das musste auch für das neue Projekt der Anspruch sein. Wir wollten wieder eine Beleuchtung, die etwas ganz Spezielles ist, die festlich ist, die Aufmerksamkeit auf sich zieht und Begeisterung auslöst. Und sie soll wieder mindestens zwanzig Jahre lang Freude bereiten. Darauf ist sie sowohl technisch wie von der Finanzierung her angelegt.
Eine Spezialität der neuen Beleuchtung wird ihr Rhythmus sein. Sie wird sich auf Weihnachten hin verändern, also eine eigentliche Festtagsdramaturgie vermitteln. Wie ist es dazu gekommen?
Ausschlaggebend war, dass wir heute ganz andere technische Möglichkeiten haben als noch 1971. Damals hat man einfach den Schalter gekippt, weitere Nuancen gab es nicht. Die neuen LED-Leuchten kann man beliebig oft ein- und ausschalten, was herkömmliche Glühbirnen nicht erlauben. Und dank dem Computer können wir die Beleuchtung zentral steuern und so ein richtiges Lichtspiel veranstalten.
Dieser Rhythmus und die Dramaturgie hat übrigens von Anfang an zum Projekt von Gramazio & Kohler gehört. Sie haben ihr Projekt deshalb auch „The World’s Largest Timepiece“ genannt. Diese Grundidee hat uns von Anfang an überzeugt und stand nie zur Diskussion.
Unser Leben scheint sonst kaum mehr von Rhythmen geprägt. Die Gemüse- und Früchtepalette richtet sich nicht mehr nach den Jahreszeiten, Fastenzeiten scheinen abgeschafft, sogar der klassische Schlussverkauf hat ausgedient. Wird nie der Wunsch laut, auch die Weihnachtsbeleuchtung länger hängen zu lassen?
Dieser Wunsch taucht tatsächlich immer wieder auf. Aber im Grunde ist die Sache ganz einfach und eindeutig: Die Weihnachtsbeleuchtung in der gesamten Stadt Zürich ist durch einen Stadtratsbeschluss geregelt. Sie wird erstmals am Donnerstag der Woche 47 um 16 Uhr eingeschaltet und am 2. Januar um Mitternacht ausgeschaltet. Und sie brennt in dieser Zeit täglich von 6.30 bis 7.30 Uhr sowie von 16 bis 24 Uhr. Ausnahmen werden am 24. und 25. Dezember und an Silvester gemacht, dann brennt sie bis um 1 Uhr in der Nacht.
Es wurde aber auch schon darüber diskutiert, die Beleuchtung das ganze Jahr hindurch hängen zu lassen, weil sie auch ohne zu leuchten so schön sei. Wenn man das machen würde, würde sie sehr schnell uninteressant, davon bin ich fest überzeugt. Man muss sie nach Weihnachten herunternehmen und verschwinden lassen – auch das macht sie zu etwas ganz Speziellem und Einzigartigem.
Nun ist aus dem Projekt eine sichtbare Realität geworden. Was erhoffen Sie sich davon?
Ich hoffe nicht nur, sondern bin überzeugt, dass viele Menschen, gerade solche, die jetzt noch skeptisch sind, überrascht sein werden, wie schön und festlich die neue Beleuchtung ist.
Und von welchem Standort aus wird sich die Weihnachtsbeleuchtung am eindrücklichsten präsentieren?
Am schönsten wird wahrscheinlich der Blick vom Paradeplatz in Richtung Bahnhof sein, von der linken Seite der Strasse aus, also gegenüber von Grieder.
INTERVIEW: THOMAS BINOTTO